„Ich wusste nicht, dass mein eigener Medienkonsum so eine Auswirkung auf meine Tochter haben kann!“

Diese und ähnliche Aussagen hörten die Fachkräfte beim Pilotprojekt in der Kita Löwenzahn.

In vier Einheiten beschäftigen sich die Familien mit dem Thema „Medien in Familien“.

Pilotprojekt MedienkonsumBesonders war der Ansatz des Projekts: Statt gleich über die Bildschirmzeit der Kinder zu sprechen, stand zunächst der eigene Medienkonsum der Eltern im Mittelpunkt. Anne Johann, Fachkraft im Familienhilfezentrum und Mitentwicklerin des Projekts, berichtet: „Wir haben zunächst analysiert, wie sich der eigene Medienkonsum darstellt – und welche Auswirkungen das auf die Bindung zum eigenen Kind hat.“ Anhand des sogenannten Still-Face-Experiments – einem bekannten Versuch zur emotionalen Verfügbarkeit von Bezugspersonen – wurde vielen Eltern eindrücklich vor Augen geführt, was es für ein Kind bedeutet, wenn die elterliche Aufmerksamkeit durch das Smartphone abgelenkt ist. Die Erkenntnis war für einige Teilnehmende ein echter Weckruf.

In den weiteren Einheiten ging es um die konkreten Auswirkungen von Medienkonsum auf junge Kinder. Die Empfehlung, bis zum dritten Lebensjahr auf Bildschirmzeit möglichst zu verzichten, wurde ebenso besprochen wie die Frage, was ein gesunder, altersgerechter Medienkonsum danach bedeuten kann. Dabei entstanden lebhafte Diskussionen unter den Eltern – etwa darüber, ob ein Kinobesuch mit dem Vorschulkind sinnvoll mit den täglichen Bildschirmzeit-Empfehlungen vereinbar ist. „Die Eltern wurden da fast strenger als wir“, erinnert sich Anne Johann.

In der Abschlusseinheit wurden medienfreie Beschäftigungsideen erarbeitet und mit den Kindern umgesetzt – von selbst hergestellter Knete bis zu Rückenmassage-Geschichten, war einiges dabei.

Das Pilotprojekt in der Kita Löwenzahn war ein erster Testlauf – mit dem klaren Ziel, das Angebot langfristig auf alle Kitas des Diakonischen Werkes auszuweiten.  Denkbar ist dabei ein Baukastensystem: von einem einzelnen Elterninformationsabend über einen Workshop-Nachmittag bis hin zum kompletten vierteiligen Format, je nach Bedarf und zeitlichen Möglichkeiten der Familien. Auch eine Ausweitung auf die flexiblen Erziehungshilfen sowie ein noch früherer Ansatzpunkt – etwa im Rahmen der Schwangerschaftsvorbereitung – werden angedacht.

„Wir würden uns wünschen, dass sich so viele Eltern wie möglich mit dem Thema auseinandersetzen!“

War die Aussage eines Elternpaares beim Nachtreffen einige Wochen nach dem Projekt.

 

Bildnachweis: istockphoto/mheim3011

Das Gütesiegel schafft Transparenz und stärkt Beteiligung

Kita Gütesiegel

(v.l.n.r.) Ute Retterath, Caroline Busse, Bianca Otto, Petra Butterweck und Ulrike Kilp, Foto: Christian Beier

Vier evangelisch-diakonische Kitas in Solingen sind mit dem BETA-Gütesiegel zertifiziert worden.

Im Gespräch berichten Kita-Leitungen und Fachverantwortliche, was das Qualitätssiegel für Kinder, Eltern, Teams und die diakonische Profilierung der Einrichtungen bedeutet.

 

Ulrike Kilp:
Liebe Frau Otto, vier evangelisch-diakonische Kitas in Solingen sind nun mit dem BETA-Gütesiegel zertifiziert. Was haben Kinder und Eltern ganz konkret von diesem Gütesiegel?

Bianca Otto (Einrichtungsleiterin der Kita Dorp):
Für die Kinder bedeutet das Gütesiegel vor allem mehr Struktur, mehr Beteiligung und eine bewusste Reflexion unseres pädagogischen Handelns. Wir haben viele Abläufe in der Kita noch einmal neu betrachtet und weiterentwickelt. Besonders die Partizipation der Kinder ist stärker in den Mittelpunkt gerückt. Sie werden heute noch deutlicher eingebunden und erleben, dass ihre Perspektive wichtig ist.

Auch für Eltern ist durch das Gütesiegel mehr Transparenz entstanden. Sie können besser nachvollziehen, wie wir arbeiten, welche pädagogischen Ziele wir verfolgen und woran wir unsere Qualität messen. Wichtig ist außerdem: Mit der Zertifizierung verpflichten wir uns, unsere Arbeit regelmäßig zu überprüfen. Dadurch bleiben wir im Gespräch darüber, ob das, was wir tun, tatsächlich dem Wohl der Kinder und Familien dient.

„Ein bundesweit vergleichbarer Qualitätsstandard mit evangelisch-diakonischem Profil“

Ulrike Kilp:
Frau Butterweck, Sie begleiten das Handlungsfeld der Kindertagesstätten. Was genau ist das BETA-Gütesiegel und wofür steht es?

Petra Butterweck:
Das BETA-Gütesiegel beschreibt die religionspädagogische und pädagogische Arbeit in evangelischen Kitas unter Einbeziehung der gesetzlichen Standards. Es geht um Qualität, Sicherheit, Bildung, Partizipation und eine reflektierte Zusammenarbeit mit Kindern, Eltern und Mitarbeitenden. Das Besondere ist, dass das Gütesiegel bundesweit vergleichbar ist. Eine evangelische Kita, die nach dem BETA-Gütesiegel zertifiziert ist, arbeitet nach gemeinsamen Qualitätsstandards — bei aller Individualität, die jede Einrichtung selbstverständlich behält.

Ulrike Kilp:
Unterscheidet sich das BETA-Gütesiegel damit von Qualitätsstandards anderer Träger?

Petra Butterweck:
Ja und nein. Natürlich beschreibt das Gütesiegel zunächst grundlegende pädagogische Anforderungen, die alle Kitas erfüllen müssen. Darüber hinaus macht es aber unser evangelisch-diakonisches Profil sichtbar. Die christlich orientierten Werte von Kirche und Diakonie sind nicht nur ein Zusatz, sondern der Boden, auf dem unsere pädagogische Arbeit steht. Das Gütesiegel verbindet gute Pädagogik mit einer klaren Werteorientierung.

„Der Prozess hat die Teams gestärkt“

Ulrike Kilp:
Frau Busse, Sie leiten die Kita Parkstraße in Ohligs. Wie haben Sie den Qualitätsmanagementprozess als Kita-Leitung erlebt?

Caroline Busse:
Zu Beginn war der Prozess für die Teams durchaus herausfordernd. Die administrativen Anforderungen in Kitas sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, und zunächst war nicht absehbar, wie viel zusätzliche Arbeit auf uns zukommen würde. Umso wichtiger war die Unterstützung durch die Diakonie. Mit Frau Braun-Stegemann hatten wir eine QM-Begleitung, die sehr wertschätzend, beruhigend und strukturiert mit den Kitas gearbeitet hat.

Die Termine waren gut abgestimmt, niemand wurde unter Druck gesetzt, und jede Kita konnte ihren eigenen Rhythmus finden. Stück für Stück haben wir insgesamt 37 Prozesse bearbeitet, im Team besprochen und verbindlich festgehalten. Dadurch entstand nicht nur ein QM-Ordner, sondern vor allem ein gemeinsames Verständnis unserer Arbeit. Das Audit am Ende war für uns eine große Bestätigung: Der mündliche Bericht war geprägt von Lob, Wertschätzung und Anerkennung für unser tägliches Tun.

Das BETA-Gütesiegel ist aus meiner Sicht ein echter Mehrwert — für Kinder, Eltern und Mitarbeitende. Es bestätigt die Professionalität unserer diakonischen Kitas und macht sichtbar, was dort jeden Tag an guter, kindorientierter und familienunterstützender Arbeit geleistet wird.

„Kinder erleben: Ich kann mitentscheiden“

Ulrike Kilp:
Frau Retterath, Sie leiten die Kita Birkerstraße. Was hat sich durch den QM-Prozess konkret positiv verändert?

Ute Retterath:
Ein gutes Beispiel ist das Mittagessen. Dieses Thema begleitet uns in der Kita schon lange, weil es den Tagesablauf strukturiert und wichtige Übergänge markiert. Durch den QM-Prozess ist die Beteiligung der Kinder hier noch einmal deutlich stärker geworden. Die Mitarbeitenden haben nicht einfach eigene Ideen entwickelt, sondern sind mit den Kindern ins Gespräch gegangen: Wie soll euer Tisch aussehen? Was ist euch wichtig?

Dabei entstanden sehr unterschiedliche und kreative Lösungen. In einer Gruppe wollten die Kinder zum Beispiel Steine in der Tischmitte haben. Andere Kinder nutzten ihre Fotos, mit denen sie sonst anzeigen, in welchem Raum sie sich befinden, als eine Art Tischkärtchen für das Mittagessen. Für uns war das eine wichtige Erfahrung: Wir müssen Kindern nicht immer fertige Ideen anbieten. Wir müssen ihnen den Raum geben, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Ulrike Kilp:
Was macht das mit Kindern, wenn sie solche Räume zur Mitentscheidung bekommen?

Ute Retterath:
Sie strahlen. Sie erleben sich als selbstwirksam und entwickeln sich weiter. Kinder spüren: Meine Idee zählt. Ich werde gesehen. Und das wirkt nicht nur auf das einzelne Kind, sondern auch in die Gruppe hinein.

„Aus anfänglichem Widerstand wurde ein Gewinn“

Ulrike Kilp:
Frau Butterweck, wenn Sie auf den gesamten Prozess blicken: Was nehmen Sie besonders wahr?

Petra Butterweck:
Besonders spannend war zu sehen, wie sich der Prozess verändert hat. Am Anfang gab es durchaus Widerstand und die Sorge: „Das auch noch?“ Im Laufe der Zeit ist daraus aber die Erfahrung geworden: Wir haben viel hinzugewonnen und viel gelernt. Die Wertschätzung der eigenen Arbeit und die partizipativen Prozesse haben in allen Häusern gewirkt. Für das Kindeswohl, aber auch für zufriedene Mitarbeitende, ist das ein großer Gewinn.

„Qualität gibt Sicherheit — und macht Lust auf Zukunft“

Ulrike Kilp:
Ich nehme aus diesem Gespräch mit: Wir brauchen heute Kitas, die Qualität nicht nur beschreiben, sondern im Alltag leben. Die Anforderungen an frühkindliche Bildung sind gestiegen. Umso wichtiger sind Teams, die ihre Arbeit reflektieren und ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln, wie Kita organisiert, gelebt und gestaltet wird.

Das BETA-Gütesiegel macht sichtbar, dass Kinder in unseren Einrichtungen darin unterstützt werden, mutig, selbstbewusst und selbstwirksam groß zu werden. Zugleich ist es eine Anerkennung für die Teams, die sich auf diesen Prozess eingelassen und ihn mit Leben gefüllt haben. Dafür gilt allen Beteiligten ein herzlicher Dank — und es macht Lust auf Zukunft und auf gute Kitas in Solingen.

Anmerkung:

Kurz nach diesem Interview wurde auch die Kita Sandstraße zertifiziert, wir freuen uns über diese tolle Leistung von Frau Fischer und ihrem Team und danken allen für die hervorragende Arbeit!

Solingen, 06. August 2026 – Zwei Jahre nach dem Messerattentat vom 23. August 2024 zieht das Diakonische Werk Solingen Bilanz seiner Präventionsarbeit und stellt die Weiterentwicklung seines Projektes zur Radikalisierungsprävention vor. Unter dem neuen Namen „SiRaSol – Sichere Räume Solingen: Resilienz, Handlungskompetenz und Vernetzung“ soll deutlich werden, wofür das Diakonische Werk Solingen steht: die Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Förderung demokratischer Teilhabe, die Entwicklung widerstandsfähiger Strukturen in einer vielfältigen Stadtgesellschaft und die Erhöhung der Handlungssicherheit von Fachkräften durch Wissen, Vernetzung und Orientierung.

Pressefoto SiRaSol

Foto: Christian Beier

„Das Attentat hat unsere Stadt tief erschüttert. Es hat Fragen aufgeworfen, die uns bis heute beschäftigen: Wie entsteht Radikalisierung? Wie können wir Menschen frühzeitig erreichen? Und was können wir als Stadtgesellschaft tun, damit extremistische Ideologien gar nicht erst attraktiv werden?“, erklärt Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen.

Als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse wurde 2025 ein Projekt zur Radikalisierungsprävention aufgebaut und durch eine Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen ermöglicht. Im Mittelpunkt stehen die fachliche Auseinandersetzung mit aktuellen Radikalisierungsphänomenen, die Weiterentwicklung sozialarbeiterischer Handlungskompetenzen sowie der Aufbau tragfähiger Netzwerkstrukturen in Solingen.

Die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass Radikalisierung nicht isoliert betrachtet werden kann. Ausgrenzungserfahrungen, mangelnde Teilhabemöglichkeiten, Orientierungslosigkeit und digitale Einflussräume spielen eine wichtige Rolle. Zugleich verfügt Solingen über starke Ressourcen: engagierte Fachkräfte, Vereine, Religionsgemeinschaften, Bildungseinrichtungen und eine aktive Zivilgesellschaft. Genau hier setzt SiRaSol an.

„Prävention beginnt lange bevor Sicherheitsbehörden tätig werden müssen“, betont Judith Yazdani, Handlungsfeldleitung Gesellschaftliche Teilhabe im Diakonischen Werk Solingen. „Menschen benötigen Orte, an denen sie Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit erfahren können. Deshalb schaffen wir Räume für Begegnung, Dialog und Beteiligung.“

Die Basis für das Projekt bildet die praktische Arbeit mit der Zielgruppe, unter anderem im Rahmen von Community-Events, interkulturellen Begegnungsangeboten, Sprachcafés sowie durch die Kooperation mit religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ziel ist es, Resilienz zu stärken, Vertrauen aufzubauen und frühzeitig positive Perspektiven zu eröffnen.

Mit der Weiterentwicklung von SiRaSol rücken drei Aspekte besonders in den Fokus: die Stärkung der Handlungssicherheit von Fachkräften, die Förderung von Resilienz und die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure. Dazu werden unter anderem ein praxisnaher Methodenkoffer, konkrete Handlungsschritte und weitere Unterstützungsangebote entwickelt, die Fachkräften mehr Orientierung und Sicherheit im Umgang mit Radikalisierungsanzeichen geben.

Gleichzeitig fördert SiRaSol den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Institutionen, Vereinen, Religionsgemeinschaften und weiteren gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in Solingen. Ziel ist es, bestehende Strukturen zu stärken, Wissen zu bündeln und langfristig tragfähige Netzwerke für Prävention aufzubauen. SiRaSol versteht sich damit nicht nur als Präventionsprojekt, sondern auch als Impulsgeber für Vernetzung, Kooperation und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Solingen.

Das Projekt wird durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen seit Juni 2025 gefördert. Seit Juni 2026 wird die Arbeit zudem wissenschaftlich durch die Fachhochschule Münster begleitet. Gemeinsam werden Erfahrungen aus der praktischen Arbeit ausgewertet und reflektiert, um Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Präventionsarbeit zu gewinnen. Auf diese Weise sollen praxisnahe Ansätze fachlich eingeordnet, weiterentwickelt und für Solingen sowie darüber hinaus nutzbar gemacht werden.

Trotz der bereits erreichten Fortschritte bleiben die Herausforderungen groß. Radikalisierungsprozesse verlagern sich zunehmend in digitale Räume und soziale Medien. Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche Polarisierung und demokratiefeindliche Tendenzen zu. Fachkräfte benötigen Unterstützung und Handlungssicherheit, um Risiken frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren. Zudem braucht Präventionsarbeit langfristige und verlässliche Strukturen, da Vertrauen und Resilienz nicht kurzfristig entstehen. Diese Herausforderungen betreffen nicht nur einzelne Institutionen, sondern die gesamte Stadtgesellschaft.

„Die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir auf Radikalisierung reagieren. Entscheidend ist, was wir gemeinsam tun, damit Menschen gar nicht erst für extremistische Ideologien empfänglich werden“, so Ulrike Kilp. „Mit SiRaSol investieren wir deshalb in Resilienz, Zugehörigkeit und demokratischen Zusammenhalt. Das ist die nachhaltigste Form von Prävention.“