Schutz braucht Aufmerksamkeit, Wissen und klare Wege
Alle Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, sollen sich in Kirche und Diakonie sicher fühlen können. Sowohl Teilnehmende als auch Mitarbeitende sollen darauf vertrauen dürfen, dass alle aufmerksam sind, Grenzen respektieren und wissen, was im Falle des Falles zu tun ist. Genau hier setzt das Schutzkonzept des Evangelischen Kirchenkreises Solingen und des Diakonischen Werkes an.
Seit 2021 gibt es ein gemeinsames Schutzkonzept zur Prävention von sexualisierter Gewalt. Hierdurch soll eine Haltung der gegenseitigen Achtsamkeit entstehen und alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden erhalten Handlungssicherheit. Denn Schutz entsteht nicht allein durch gute Absichten. Er braucht Sensibilität, Wissen, benannte Zuständigkeiten und vor allem eine klare Haltung
Aufmerksamkeit: Hinschauen statt wegsehen
Das Schutzkonzept steht für einen offenen und transparenten Umgang mit einem schwierigen Thema. Beobachtungen, Unsicherheiten oder ein ungutes Bauchgefühl sollen nicht heruntergespielt oder verschwiegen werden. Vielmehr geht es darum, aufmerksam hinzusehen, Fragen zuzulassen und vorhandene Hinweise ernst zu nehmen.
Dabei steht niemand unter Generalverdacht. Pädagogische, diakonische und kirchliche Arbeit lebt von Beziehungen, Vertrauen und Nähe. Gleichzeitig braucht sie ein bewusstes Verhältnis von Nähe und Distanz. Die Schulungen unterstützen die Teilnehmenden dabei, das eigene Verhalten zu reflektieren, persönliche Grenzen wahrzunehmen und auch langjährige Gewohnheiten kritisch zu hinterfragen.
Die uns anvertrauten Menschen sollen erfahren, dass ihre Grenzen respektiert werden und dass sie sich für diese einsetzen dürfen.
Wissen: Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche
Im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland richten sich die Präventionsschulungen nicht ausschließlich an Menschen, die unmittelbar mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Geschult werden grundsätzlich alle haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende. Diese Schulungen sind verpflichtend und müssen längstens nach fünf Jahren wiederholt werden. (Sollten Sie aufgrund einer persönlichen Betroffenheit nicht an einer Schulung teilnehmen können, nehmen Sie gerne zu Frau Johann oder einer Vertrauensperson Kontakt auf.) Dahinter steht die Überzeugung, dass Schutz und Achtsamkeit eine gemeinsame Aufgabe sind.
Im Evangelischen Kirchenkreis Solingen sind vier Multiplikatorinnen im Auftrag des Kirchenkreises für die Schulungen tätig.
Neben den zentral angebotenen Terminen können Gemeinden, Einrichtungen, Kindertagesstätten oder einzelne Handlungsfelder auch eine eigene Schulung anfragen. Wenn eine ausreichende Zahl an Teilnehmenden zusammenkommt, werden gemeinsame Termine vereinbart. Dadurch können die Angebote bedarfsgerecht organisiert und möglichst viele Mitarbeitende erreicht werden.
Verantwortlich für das Schutzkonzept und die Durchsetzung der Schulungspflicht sind die jeweiligen Leitungspersonen.
Klare Wege: Was ist im Ernstfall zu tun?
Ein wichtiger Bestandteil der Schulungen neben der Sensibilisierung ist die Frage, wie Mitarbeitende bei einer möglichen Grenzverletzung oder einer auffälligen Beobachtung handeln sollen. Niemand soll aus Unsicherheit handlungsunfähig sein. Denn Unsicherheit kann dazu führen, dass Menschen zögern oder eine Wahrnehmung zunächst für sich behalten. Das Schutzkonzept schafft deshalb eindeutige Ansprech- und Meldewege, die für alle verpflichtend sind.
Hierfür gibt es im Kirchenkreis zwei Vertrauenspersonen: Simone Henn-Pausch und Simone Tschense. Die beiden fungieren bei einer Meldung als Lotsen im System und leiten das weitere Vorgehen ein. Bei einer beobachteten oder mitgeteilten Grenzverletzung müssen sie kontaktiert werden. Das gilt ausdrücklich auch dann, wenn noch keine Gewissheit besteht und zunächst nur ein ungutes Gefühl vorhanden ist. Es ist daher auch möglich, dass Irritationen mit den Vertrauenspersonen anonymisiert besprochen werden können.
Offenheit und klare Kommunikation helfen dabei, Menschen zu schützen und zugleich allen Beteiligten Sicherheit im Umgang mit Beobachtungen und Verdachtsmomenten zu geben.
Schutz ist eine gemeinsame Aufgabe
Die Schulungen behandeln ein sensibles Thema. Dennoch zeigen die bisherigen Rückmeldungen nach Aussage der Teilnehmenden, dass sie verständlich, praxisnah und kurzweilig gestaltet sind.
Entscheidend ist, dass alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Menschen zu schützen heißt, ihre Grenzen ernst zu nehmen und ihre Selbstbestimmung zu stärken.
Das Schutzkonzept gibt dafür einen verbindlichen Rahmen. Die Schulungen füllen diesen Rahmen mit Wissen, Aufmerksamkeit und konkreten Handlungsmöglichkeiten. So wird aus dem Anspruch, ein sicherer Ort zu sein, eine Aufgabe, an der alle gemeinsam und transparent mitwirken.
„Ich wusste nicht, dass mein eigener Medienkonsum so eine Auswirkung auf meine Tochter haben kann!“
Diese und ähnliche Aussagen hörten die Fachkräfte beim Pilotprojekt in der Kita Löwenzahn.
In vier Einheiten beschäftigen sich die Familien mit dem Thema „Medien in Familien“.
Besonders war der Ansatz des Projekts: Statt gleich über die Bildschirmzeit der Kinder zu sprechen, stand zunächst der eigene Medienkonsum der Eltern im Mittelpunkt. Anne Johann, Fachkraft im Familienhilfezentrum und Mitentwicklerin des Projekts, berichtet: „Wir haben zunächst analysiert, wie sich der eigene Medienkonsum darstellt – und welche Auswirkungen das auf die Bindung zum eigenen Kind hat.“ Anhand des sogenannten Still-Face-Experiments – einem bekannten Versuch zur emotionalen Verfügbarkeit von Bezugspersonen – wurde vielen Eltern eindrücklich vor Augen geführt, was es für ein Kind bedeutet, wenn die elterliche Aufmerksamkeit durch das Smartphone abgelenkt ist. Die Erkenntnis war für einige Teilnehmende ein echter Weckruf.
In den weiteren Einheiten ging es um die konkreten Auswirkungen von Medienkonsum auf junge Kinder. Die Empfehlung, bis zum dritten Lebensjahr auf Bildschirmzeit möglichst zu verzichten, wurde ebenso besprochen wie die Frage, was ein gesunder, altersgerechter Medienkonsum danach bedeuten kann. Dabei entstanden lebhafte Diskussionen unter den Eltern – etwa darüber, ob ein Kinobesuch mit dem Vorschulkind sinnvoll mit den täglichen Bildschirmzeit-Empfehlungen vereinbar ist. „Die Eltern wurden da fast strenger als wir“, erinnert sich Anne Johann.
In der Abschlusseinheit wurden medienfreie Beschäftigungsideen erarbeitet und mit den Kindern umgesetzt – von selbst hergestellter Knete bis zu Rückenmassage-Geschichten, war einiges dabei.
Das Pilotprojekt in der Kita Löwenzahn war ein erster Testlauf – mit dem klaren Ziel, das Angebot langfristig auf alle Kitas des Diakonischen Werkes auszuweiten. Denkbar ist dabei ein Baukastensystem: von einem einzelnen Elterninformationsabend über einen Workshop-Nachmittag bis hin zum kompletten vierteiligen Format, je nach Bedarf und zeitlichen Möglichkeiten der Familien. Auch eine Ausweitung auf die flexiblen Erziehungshilfen sowie ein noch früherer Ansatzpunkt – etwa im Rahmen der Schwangerschaftsvorbereitung – werden angedacht.
„Wir würden uns wünschen, dass sich so viele Eltern wie möglich mit dem Thema auseinandersetzen!“
War die Aussage eines Elternpaares beim Nachtreffen einige Wochen nach dem Projekt.
Bildnachweis: istockphoto/mheim3011
https://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.png00dw-treskeshttps://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.pngdw-treskes2026-08-26 12:25:432026-08-26 12:26:19Pilotprojekt zum Thema Medienkonsum
Das Gütesiegel schafft Transparenz und stärkt Beteiligung
(v.l.n.r.) Ute Retterath, Caroline Busse, Bianca Otto, Petra Butterweck und Ulrike Kilp, Foto: Christian Beier
Vier evangelisch-diakonische Kitas in Solingen sind mit dem BETA-Gütesiegel zertifiziert worden.
Im Gespräch berichten Kita-Leitungen und Fachverantwortliche, was das Qualitätssiegel für Kinder, Eltern, Teams und die diakonische Profilierung der Einrichtungen bedeutet.
Das BETA-Gütesiegel ist eine werteorientiertes, partizipatives System, das die pädagogische und organisatorische Arbeit in Kindertagesstätten nach Qualitätskriterien und -zielen in 37 Prozessen beschreibt. Es ist über alle Kirchenkreise hinweg gleich, von Schleswig-Holstein bis Bayern gelten in zertifizierten Kitas die gleiche Standards.
„Um für die religions- und sozialpädagogische Arbeit in den Tageseinrichtungen für Kinder und für die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern eine möglichst hohe Qualität zu gewährleisten, stehen Träger in der Verantwortung, systematische Qualitätsentwicklung und -sicherung zu betreiben und ein Qualitätsmanagementsystem einzuführen.“
Ulrike Kilp:
Liebe Frau Otto, vier evangelisch-diakonische Kitas in Solingen sind nun mit dem BETA-Gütesiegel zertifiziert. Was haben Kinder und Eltern ganz konkret von diesem Gütesiegel?
Bianca Otto (Einrichtungsleiterin der Kita Dorp):
Für die Kinder bedeutet das Gütesiegel vor allem mehr Struktur, mehr Beteiligung und eine bewusste Reflexion unseres pädagogischen Handelns. Wir haben viele Abläufe in der Kita noch einmal neu betrachtet und weiterentwickelt. Besonders die Partizipation der Kinder ist stärker in den Mittelpunkt gerückt. Sie werden heute noch deutlicher eingebunden und erleben, dass ihre Perspektive wichtig ist.
Auch für Eltern ist durch das Gütesiegel mehr Transparenz entstanden. Sie können besser nachvollziehen, wie wir arbeiten, welche pädagogischen Ziele wir verfolgen und woran wir unsere Qualität messen. Wichtig ist außerdem: Mit der Zertifizierung verpflichten wir uns, unsere Arbeit regelmäßig zu überprüfen. Dadurch bleiben wir im Gespräch darüber, ob das, was wir tun, tatsächlich dem Wohl der Kinder und Familien dient.
„Ein bundesweit vergleichbarer Qualitätsstandard mit evangelisch-diakonischem Profil“
Ulrike Kilp:
Frau Butterweck, Sie begleiten das Handlungsfeld der Kindertagesstätten. Was genau ist das BETA-Gütesiegel und wofür steht es?
Petra Butterweck:
Das BETA-Gütesiegel beschreibt die religionspädagogische und pädagogische Arbeit in evangelischen Kitas unter Einbeziehung der gesetzlichen Standards. Es geht um Qualität, Sicherheit, Bildung, Partizipation und eine reflektierte Zusammenarbeit mit Kindern, Eltern und Mitarbeitenden. Das Besondere ist, dass das Gütesiegel bundesweit vergleichbar ist. Eine evangelische Kita, die nach dem BETA-Gütesiegel zertifiziert ist, arbeitet nach gemeinsamen Qualitätsstandards — bei aller Individualität, die jede Einrichtung selbstverständlich behält.
Ulrike Kilp:
Unterscheidet sich das BETA-Gütesiegel damit von Qualitätsstandards anderer Träger?
Petra Butterweck:
Ja und nein. Natürlich beschreibt das Gütesiegel zunächst grundlegende pädagogische Anforderungen, die alle Kitas erfüllen müssen. Darüber hinaus macht es aber unser evangelisch-diakonisches Profil sichtbar. Die christlich orientierten Werte von Kirche und Diakonie sind nicht nur ein Zusatz, sondern der Boden, auf dem unsere pädagogische Arbeit steht. Das Gütesiegel verbindet gute Pädagogik mit einer klaren Werteorientierung.
„Der Prozess hat die Teams gestärkt“
Ulrike Kilp:
Frau Busse, Sie leiten die Kita Parkstraße in Ohligs. Wie haben Sie den Qualitätsmanagementprozess als Kita-Leitung erlebt?
Caroline Busse:
Zu Beginn war der Prozess für die Teams durchaus herausfordernd. Die administrativen Anforderungen in Kitas sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, und zunächst war nicht absehbar, wie viel zusätzliche Arbeit auf uns zukommen würde. Umso wichtiger war die Unterstützung durch die Diakonie. Mit Frau Braun-Stegemann hatten wir eine QM-Begleitung, die sehr wertschätzend, beruhigend und strukturiert mit den Kitas gearbeitet hat.
Die Termine waren gut abgestimmt, niemand wurde unter Druck gesetzt, und jede Kita konnte ihren eigenen Rhythmus finden. Stück für Stück haben wir insgesamt 37 Prozesse bearbeitet, im Team besprochen und verbindlich festgehalten. Dadurch entstand nicht nur ein QM-Ordner, sondern vor allem ein gemeinsames Verständnis unserer Arbeit. Das Audit am Ende war für uns eine große Bestätigung: Der mündliche Bericht war geprägt von Lob, Wertschätzung und Anerkennung für unser tägliches Tun.
Das BETA-Gütesiegel ist aus meiner Sicht ein echter Mehrwert — für Kinder, Eltern und Mitarbeitende. Es bestätigt die Professionalität unserer diakonischen Kitas und macht sichtbar, was dort jeden Tag an guter, kindorientierter und familienunterstützender Arbeit geleistet wird.
„Kinder erleben: Ich kann mitentscheiden“
Ulrike Kilp:
Frau Retterath, Sie leiten die Kita Birkerstraße. Was hat sich durch den QM-Prozess konkret positiv verändert?
Ute Retterath:
Ein gutes Beispiel ist das Mittagessen. Dieses Thema begleitet uns in der Kita schon lange, weil es den Tagesablauf strukturiert und wichtige Übergänge markiert. Durch den QM-Prozess ist die Beteiligung der Kinder hier noch einmal deutlich stärker geworden. Die Mitarbeitenden haben nicht einfach eigene Ideen entwickelt, sondern sind mit den Kindern ins Gespräch gegangen: Wie soll euer Tisch aussehen? Was ist euch wichtig?
Dabei entstanden sehr unterschiedliche und kreative Lösungen. In einer Gruppe wollten die Kinder zum Beispiel Steine in der Tischmitte haben. Andere Kinder nutzten ihre Fotos, mit denen sie sonst anzeigen, in welchem Raum sie sich befinden, als eine Art Tischkärtchen für das Mittagessen. Für uns war das eine wichtige Erfahrung: Wir müssen Kindern nicht immer fertige Ideen anbieten. Wir müssen ihnen den Raum geben, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
Ulrike Kilp:
Was macht das mit Kindern, wenn sie solche Räume zur Mitentscheidung bekommen?
Ute Retterath:
Sie strahlen. Sie erleben sich als selbstwirksam und entwickeln sich weiter. Kinder spüren: Meine Idee zählt. Ich werde gesehen. Und das wirkt nicht nur auf das einzelne Kind, sondern auch in die Gruppe hinein.
„Aus anfänglichem Widerstand wurde ein Gewinn“
Ulrike Kilp:
Frau Butterweck, wenn Sie auf den gesamten Prozess blicken: Was nehmen Sie besonders wahr?
Petra Butterweck:
Besonders spannend war zu sehen, wie sich der Prozess verändert hat. Am Anfang gab es durchaus Widerstand und die Sorge: „Das auch noch?“ Im Laufe der Zeit ist daraus aber die Erfahrung geworden: Wir haben viel hinzugewonnen und viel gelernt. Die Wertschätzung der eigenen Arbeit und die partizipativen Prozesse haben in allen Häusern gewirkt. Für das Kindeswohl, aber auch für zufriedene Mitarbeitende, ist das ein großer Gewinn.
„Qualität gibt Sicherheit — und macht Lust auf Zukunft“
Ulrike Kilp:
Ich nehme aus diesem Gespräch mit: Wir brauchen heute Kitas, die Qualität nicht nur beschreiben, sondern im Alltag leben. Die Anforderungen an frühkindliche Bildung sind gestiegen. Umso wichtiger sind Teams, die ihre Arbeit reflektieren und ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln, wie Kita organisiert, gelebt und gestaltet wird.
Das BETA-Gütesiegel macht sichtbar, dass Kinder in unseren Einrichtungen darin unterstützt werden, mutig, selbstbewusst und selbstwirksam groß zu werden. Zugleich ist es eine Anerkennung für die Teams, die sich auf diesen Prozess eingelassen und ihn mit Leben gefüllt haben. Dafür gilt allen Beteiligten ein herzlicher Dank — und es macht Lust auf Zukunft und auf gute Kitas in Solingen.
Anmerkung:
Kurz nach diesem Interview wurde auch die Kita Sandstraße zertifiziert, wir freuen uns über diese tolle Leistung von Frau Fischer und ihrem Team und danken allen für die hervorragende Arbeit!
https://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.png00dw-treskeshttps://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.pngdw-treskes2026-08-21 09:50:242026-09-16 12:27:22Zertifizierung mit dem BETA-Gütesiegel
Solingen, 06. August 2026 – Zwei Jahre nach dem Messerattentat vom 23. August 2024 zieht das Diakonische Werk Solingen Bilanz seiner Präventionsarbeit und stellt die Weiterentwicklung seines Projektes zur Radikalisierungsprävention vor. Unter dem neuen Namen „SiRaSol – Sichere Räume Solingen: Resilienz, Handlungskompetenz und Vernetzung“ soll deutlich werden, wofür das Diakonische Werk Solingen steht: die Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Förderung demokratischer Teilhabe, die Entwicklung widerstandsfähiger Strukturen in einer vielfältigen Stadtgesellschaft und die Erhöhung der Handlungssicherheit von Fachkräften durch Wissen, Vernetzung und Orientierung.
Foto: Christian Beier
„Das Attentat hat unsere Stadt tief erschüttert. Es hat Fragen aufgeworfen, die uns bis heute beschäftigen: Wie entsteht Radikalisierung? Wie können wir Menschen frühzeitig erreichen? Und was können wir als Stadtgesellschaft tun, damit extremistische Ideologien gar nicht erst attraktiv werden?“, erklärt Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen.
Als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse wurde 2025 ein Projekt zur Radikalisierungsprävention aufgebaut und durch eine Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen ermöglicht. Im Mittelpunkt stehen die fachliche Auseinandersetzung mit aktuellen Radikalisierungsphänomenen, die Weiterentwicklung sozialarbeiterischer Handlungskompetenzen sowie der Aufbau tragfähiger Netzwerkstrukturen in Solingen.
Die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass Radikalisierung nicht isoliert betrachtet werden kann. Ausgrenzungserfahrungen, mangelnde Teilhabemöglichkeiten, Orientierungslosigkeit und digitale Einflussräume spielen eine wichtige Rolle. Zugleich verfügt Solingen über starke Ressourcen: engagierte Fachkräfte, Vereine, Religionsgemeinschaften, Bildungseinrichtungen und eine aktive Zivilgesellschaft. Genau hier setzt SiRaSol an.
„Prävention beginnt lange bevor Sicherheitsbehörden tätig werden müssen“, betont Judith Yazdani, Handlungsfeldleitung Gesellschaftliche Teilhabe im Diakonischen Werk Solingen. „Menschen benötigen Orte, an denen sie Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit erfahren können. Deshalb schaffen wir Räume für Begegnung, Dialog und Beteiligung.“
Die Basis für das Projekt bildet die praktische Arbeit mit der Zielgruppe, unter anderem im Rahmen von Community-Events, interkulturellen Begegnungsangeboten, Sprachcafés sowie durch die Kooperation mit religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ziel ist es, Resilienz zu stärken, Vertrauen aufzubauen und frühzeitig positive Perspektiven zu eröffnen.
Mit der Weiterentwicklung von SiRaSol rücken drei Aspekte besonders in den Fokus: die Stärkung der Handlungssicherheit von Fachkräften, die Förderung von Resilienz und die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure. Dazu werden unter anderem ein praxisnaher Methodenkoffer, konkrete Handlungsschritte und weitere Unterstützungsangebote entwickelt, die Fachkräften mehr Orientierung und Sicherheit im Umgang mit Radikalisierungsanzeichen geben.
Gleichzeitig fördert SiRaSol den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Institutionen, Vereinen, Religionsgemeinschaften und weiteren gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in Solingen. Ziel ist es, bestehende Strukturen zu stärken, Wissen zu bündeln und langfristig tragfähige Netzwerke für Prävention aufzubauen. SiRaSol versteht sich damit nicht nur als Präventionsprojekt, sondern auch als Impulsgeber für Vernetzung, Kooperation und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Solingen.
Das Projekt wird durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen seit Juni 2025 gefördert. Seit Juni 2026 wird die Arbeit zudem wissenschaftlich durch die Fachhochschule Münster begleitet. Gemeinsam werden Erfahrungen aus der praktischen Arbeit ausgewertet und reflektiert, um Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Präventionsarbeit zu gewinnen. Auf diese Weise sollen praxisnahe Ansätze fachlich eingeordnet, weiterentwickelt und für Solingen sowie darüber hinaus nutzbar gemacht werden.
Trotz der bereits erreichten Fortschritte bleiben die Herausforderungen groß. Radikalisierungsprozesse verlagern sich zunehmend in digitale Räume und soziale Medien. Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche Polarisierung und demokratiefeindliche Tendenzen zu. Fachkräfte benötigen Unterstützung und Handlungssicherheit, um Risiken frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren. Zudem braucht Präventionsarbeit langfristige und verlässliche Strukturen, da Vertrauen und Resilienz nicht kurzfristig entstehen. Diese Herausforderungen betreffen nicht nur einzelne Institutionen, sondern die gesamte Stadtgesellschaft.
„Die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir auf Radikalisierung reagieren. Entscheidend ist, was wir gemeinsam tun, damit Menschen gar nicht erst für extremistische Ideologien empfänglich werden“, so Ulrike Kilp. „Mit SiRaSol investieren wir deshalb in Resilienz, Zugehörigkeit und demokratischen Zusammenhalt. Das ist die nachhaltigste Form von Prävention.“
Die Versorgungslücke zwischen Klinik und Alltag schließen
Eine Krebsdiagnose verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Während die medizinische Versorgung in den Kliniken und spezialisierten Zentren heute auf einem sehr hohen Niveau stattfindet, stehen viele Betroffene und ihre Angehörigen nach der Entlassung vor einer Vielzahl neuer Fragen: Wie geht es im Alltag weiter? Welche sozialrechtlichen Ansprüche habe ich? Wer unterstützt mich bei Ängsten, Unsicherheiten und seelischen Belastungen? Genau hier setzt die Ambulante Krebsberatungsstelle des Diakonischen Werkes Solingen an.
Die Beratungsstelle schließt eine wichtige Versorgungslücke zwischen medizinischer Behandlung und dem Leben nach der Klinik. Betroffene benötigen nicht nur medizinische Hilfe, sondern vor allem Unterstützung bei der Bewältigung ihres veränderten Alltags, ihrer Sorgen und Zukunftsfragen. Die Krebsberatung bietet hierfür Zeit, Aufmerksamkeit und professionelle Begleitung auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Ein multidisziplinäres Konzept für die Menschen
Besonders ist das ganzheitliche Beratungskonzept unserer Ambulanten Krebsberatung. Hier werden soziale und psychoonkologische Kompetenzen miteinander verbunden, um den vielfältigen Bedürfnissen von Menschen mit einer Krebserkrankung gerecht zu werden. Das Angebot richtet sich sowohl an Patientinnen und Patienten als auch an Angehörige und ist kostenfrei.
Die soziale und psychoonkologische Beratung unterstützt bei zahlreichen praktischen und sozialrechtlichen Fragen, stabilisiert bei der Neuorientierung in einem veränderten Leben. Dazu gehören beispielsweise Informationen zu Rehabilitationsmaßnahmen, Schwerbehindertenanträgen, pflegerischen Hilfen, Unterstützungsleistungen oder Hilfen aus dem Härtefonds der Deutschen Krebshilfe. Das Angebot hilft im Besonderen dabei, die seelischen Belastungen einer Krebserkrankung zu bewältigen. Ängste, Unsicherheiten, Erschöpfung oder die Frage, wie das Leben nach der Therapie aussehen kann, beschäftigen viele Betroffene über lange Zeit. Hier finden sie professionelle Begleitung, emotionale Unterstützung und bei Bedarf auch Überbrückungsgespräche bis zur Aufnahme weiterer therapeutischer Angebote.
Starkes Netzwerk für Solingen
Seit 2021 wird die Krebsberatung vom Diakonischen Werk Solingen geführt. Mit dem Ausbau der Beratungsstelle und der Eröffnung der hauptamtlich besetzten Ambulanten Krebsberatungsstelle im Jahr 2024 wurde ein wichtiger Meilenstein für die psychosoziale Versorgung von Krebspatientinnen und -patienten in Solingen erreicht. Es bestehen Kooperationsvereinbarungen mit den Solinger Kliniken und Arztpraxen, um Betroffene möglichst frühzeitig auf das Beratungsangebot aufmerksam zu machen.
Gemeinsam mit medizinischen Einrichtungen entsteht so ein Netzwerk, das Menschen nicht nur während der Behandlung, sondern auch in der oftmals herausfordernden Zeit danach begleitet. Denn Krebs endet nicht mit der Entlassung aus der Klinik. Viele Fragen beginnen erst dann.
Für Menschen da sein – auch nach der Therapie
Die Ambulante Krebsberatung steht Betroffenen in jeder Phase der Erkrankung offen – von der Erstdiagnose über die Therapiezeit bis weit in die Nachsorge hinein. Sie bietet Orientierung, stärkt Ressourcen und eröffnet neue Perspektiven. Gerade in einer Zeit, in der das Gesundheitssystem zunehmend unter Druck steht, zeigt sich der Wert solcher niedrigschwelligen und wohnortnahen Unterstützungsangebote besonders deutlich.
Mit ihrer multidisziplinären Ausrichtung leistet die Ambulante Krebsberatungsstelle einen wichtigen Beitrag dazu, dass Menschen mit einer Krebserkrankung und ihre Angehörigen nicht allein bleiben. Sie hilft dabei, die Lücke zwischen medizinischer Behandlung und Alltag zu schließen – menschlich, professionell und verlässlich. Besuchen Sie hier die Seite der ambulanten Krebsberatungsstelle.
Manchmal beginnt es mit einem Brief – und plötzlich ist das eigene Konto blockiert. Geld, das eigentlich für Miete, Strom oder den Einkauf gedacht ist, steht nicht mehr zur Verfügung.
Genau diese Situationen stehen im Mittelpunkt der bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung vom 15. bis 19. Juni 2026 unter dem Motto: „Wie komme ich an mein Geld? – Wenn das P-Konto zum Problemkonto wird“.
Was abstrakt klingt, ist für viele Menschen in Solingen bittere Realität. Wenn Freibeträge nicht rechtzeitig freigegeben werden, geraten auch Familien von heute auf morgen in existenzielle Not.
Hier wirkt die Schuldnerberatung des Diakonischen Werks Solingen – leise, aber entscheidend. Sie sorgt dafür, dass Menschen wieder an das Geld gelangen, das ihnen gesetzlich zusteht. Sie hilft, wenn scheinbar nichts mehr geht.
Bevor das nicht pfändbare Einkommen von der Bank wieder freigegeben werden kann, prüfen und bescheinigen unsere Berater*innen, wie viel Geld z. B. einer bei uns begleiteten alleinerziehenden Mutter und ihren vier Kindern zum Leben zusteht:
Die Beratung und Prüfung der Einkommenslage und der gesetzlich festgelegten Bedarfe der Familie schützt damit besonders die, die am verletzlichsten sind: die vier Kinder. Denn wenn zu Hause plötzlich das Geld fehlt, spüren Kinder das sofort. Die Mutter erfährt zugleich eine unmittelbare Entlastung, wenn die Mietzahlung und die Stromkosten vom Konto überwiesen werden. Ein gesicherter Familienalltag ist keine Selbstverständlichkeit – er braucht Menschen, die hinschauen und handeln. So wird Schuldnerberatung zu mehr als Hilfe in finanziellen Fragen. Sie wird zu einem wichtigen Beitrag für ein kindgerechtes Solingen – konkret, wirksam und getragen von Solidarität.
https://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.png00dw-treskeshttps://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.pngdw-treskes2026-04-29 10:03:492026-04-29 10:03:49Workshop: Medizinische Hautpflege und Kosmetik in der Chemo,- und Strahlentherapie
Am 06.03.2026 fand von 11:00 bis 17:00 Uhr im Hofgarten Solingen der 1. Solinger Tag für Frauengesundheit statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Klinikum Solingen. Auch unsere Kolleginnen von der ambulante Krebsberatungsstelle waren vor Ort dabei.
Als Highlight konnte ein großes, begehbares Gebärmutter-Modell betrachtet werden. Außerdem gab es viele wichtige Informationen zu Themen wie Wechseljahre, HPV u.v.m.. Das Angebot wurde sehr gut angenommen, es war viel los. Auch viele Schulklassen nutzten die Gelegenheit und konnten sich gezielt zum Thema Frauengesundheit informieren.
Eine Besucherin zeigte sich begeistert vom Konzept: „Es ist so wichtig, Informationen anschaulich und niederschwellig darzustellen und vor allem jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich über solche Themen zu informieren. Manchmal ist es erschreckend, wie wenig Mädchen und junge Frauen über ihren eigenen Körper wissen.“
https://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.png00dw-treskeshttps://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.pngdw-treskes2026-03-02 10:09:182026-03-11 09:23:411. Solinger Tag für Frauengesundheit
Osterfreude, die bleibt, und junge Menschen verändert
In der Woche nach Ostern kam der große Mitmach-Circus Lollipop mit seinem großen Zirkuszelt in den Südpark. Solinger Kinder zwischen 6 und 14 Jahren konnten dort eine spannende Woche verbringen, in der sie zu Artisten, Zauberern, Clowns ausgebildet wurden. Ihr Können haben sie dann in zwei Gala-Aufführungen am 10. und 11.04.2026 im großen Zirkuszelt gezeigt.
In der Woche konnten die Kinder Neues zu erfahren, Grenzen überwinden und Selbstvertrauen gewinnen. Das Projekt mit dem Circus Lollipop verband körperliche Aktivität und kreatives Lernen und schaffte Gemeinschaft, unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft oder Konfession der Kinder. Das Ehepaar Wandruschka leitet den Circus Lollipop seit 2023. Beide haben langjährige Erfahrung bei so bekannten Namen wie Roncalli oder Knie.
Das Diakonische Werk Solingen hatte die Trägerschaft für dieses tolle Ferienprojekt übernommen. Initiator und Projektleiter war Hans-Peter Claus, Mitglied im Solinger Beirat für Menschen mit Behinderung und Gründer des inklusiven „Einmalig-Chor Solingen“. Das Projekt wurde von InklusionSolingen unterstützt.
Spenden Sie jetzt!
Das Diakonische Werk hat gerne die Trägerschaft für dieses tolle Projekt übernommen und damit vielen Kindern in Solingen tolle Erlebnisse in den Osterferien zu ermöglicht. Leider sind diese Projekte immer sehr kostenintensiv. Wir sind daher auch jetzt noch auf Spenden angewiesen und freuen uns, wenn Sie uns dabei unterstützen wollen!
Bitte beachten Sie, dass der Einzug Ihrer Spende aus technischen Gründen mehrere Werktage in Anspruch nehmen kann. Als Zahlungsempfänger wird der Evangelische Kirchenkreis Solingen erscheinen.
Bildnachweis: Diakonisches Werk Solingen / Viktoria Liebsch
https://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.png00dw-treskeshttps://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.pngdw-treskes2026-02-26 09:21:352026-05-13 08:07:26Solinger Kinder erlebten Zirkusfeeling in den Osterferien
Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik an der Fachhochschule Münster
Das Interview führte Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen
Ulrike Kilp: Prof. Kurtenbach, Sie machen von sich reden, u. a. wg. Ihres Buches mit dem Titel „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, das Sie mit Aladin El-Mafaalani und Klaus Peter Strohmeier veröffentlicht haben. In dem Buch fordern Sie ein Umdenken: Kinder müssen aus ihrer Außenseiterposition ins Zentrum gerückt werden. Was genau meinen Sie damit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Wir müssen uns klar machen, dass Kinder zu einer Minderheit in der alternden Gesellschaft geworden sind, auf die viel zu wenig Rücksicht genommen wird und deren Bedürfnisse unter die Räder geraten. Zwar waren Kinder fast zu allen Zeiten eine quantitative Minderheit, aber sie waren als Gruppe immerhin noch groß genug, damit Institutionen für sie aufgebaut und ihre Bedürfnisse nicht ignoriert wurden. Das ist mittlerweile anders geworden, auch weil Eltern eine zu kleine Gruppe geworden sind, um Wahlen zu entscheiden. In der Folge wird nicht mehr in ausreichendem Maße über die Bedürfnisse von Kindern bei politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungen nachgedacht, was wiederum Kinder in eine strukturell prekäre Situation gebracht hat. Das muss sich im Interesse der Zukunft dieser Gesellschaft ändern. Kinder müssen ins Zentrum politischer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt werden.
Ulrike Kilp: Welche Veränderungen bestimmen heute Kindheit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Die prekäre Situation von Kindern heute hat sich auf Grundlage von drei Schieflagen entwickelt. Die erste ist die demografische Schieflage, die man sich ganz leicht merken kann: Es gibt heute etwa doppelt so viele 60-Jährige wie 6-Jährige in diesem Land. Die zweite Schieflage ist die demokratische Schieflage. Bereits bei der letzten Bundestagswahl waren mehr als 58 Prozent aller Wahlberechtigten älter als 50 Jahre, das Durchschnittsalter derjenigen, die in Stadträten sitzen, liegt noch darüber. Sowohl die großen Wählergruppen als auch die große Mehrheit der Entscheidungsträger haben damit keinen alltäglichen Kontakt zu Kindern und ahnen mehr, als sie über Kindheit heute wissen. Drittens hat sich eine sozialpolitische Schieflage entwickelt, die ja während des Streits um die Rente breit diskutiert wurde. Der Bund gibt heute bereits etwa jeden dritten Euro für den Steuerzuschuss in die gesetzliche Rente und zur Bekämpfung von Altersarmut aus, die Pensionen für Beamte noch gar nicht eingerechnet. Damit geht aber Spielraum für Zukunftsinvestitionen verloren.
Ulrike Kilp: Sie analysieren „fragmentierte Kindheiten“ in fünf Dimensionen. Was meinen Sie damit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Fragmentierte Kindheit ist eines der Merkmale, die Kindheit heute von der von früher unterscheidet. Ein wichtiges anderes Merkmal ist Superdiversität, also eine so große herkunftsbedingte Heterogenität, Sprachenvielfalt und Religionen, die z. B. in einer durchschnittlichen Grundschulklasse in Solingen zu finden sind, sodass es keine Mehrheitsgruppe mehr gibt. Ebenso ist das Zeitregime von Kindern heute anders als früher, Kinder verbringen heute mehr wache Zeit in den Bildungsinstitutionen als zu Hause. Zugleich haben sich Kindheiten entwickelt, die wenig miteinander zu tun haben. Das meint Fragmentierung. Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen Familien auf, was Zeit und Geld angeht, leben in unterschiedlichen Nachbarschaften, gehen in Bildungsinstitutionen, die nicht alle gleich gut sind, haben nicht den gleichen Zugang zu informellen Lernräumen wie Vereine oder auch Spielplätze, und auch nicht alle Kinder haben Kontakt zu Erwachsenen außerhalb ihrer Familie, die sie fördern. Diese Unterschiede machen fragmentierte Kindheit aus und bilden eine neue Qualität der Ungleichheit.
Ulrike Kilp: Wie kann die gesellschaftliche Bedeutung kindheitsorientierter Bildungs- und Sozialpolitik gestärkt und mehr in den Fokus sozialpolitischen Handelns gerückt werden?
Prof. Dr. Kurtenbach: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die wir in unserem Buch besprechen. Grundlegend ist ein Kulturwandel, sodass vom Kind aus gedacht wird und nicht von Trägerinteressen oder Organisationslogiken. Der Kulturwandel bedeutet aber auch, Entscheidungen und Politik nicht nur für, sondern auch mit Kindern zu machen. Dafür müssen wir Kinder aktiv in Entscheidungsprozesse einbinden. Zukunftsräte wären ein solches Format, das die Juristin Henrike von Scheliha entwickelt hat. Die Idee ist so schlicht wie effektiv. Dem Stadtrat, Kreistag, Landtag sowie Bundestag wird ein Zukunftsrat, besetzt mit jungen Menschen zwischen 10 und 25 Jahren, an die Seite gestellt. Dieser Zukunftsrat hat das Recht, für alle anstehenden Entscheidungen eine Stellungnahme abzugeben, über die das beschlussfassende Gremium, wie der Bundestag, öffentlich debattieren muss. Die parlamentarische Entscheidungshoheit wäre damit nicht berührt, die Perspektive junger Menschen würde aber strukturell gehört werden. Das kann sofort eingeführt werden, auch in Solingen.
Ulrike Kilp: Das Diakonische Werk Solingen verantwortet aktuell Kitas, Offenen Ganztag an Schule, Präventionsangebote in der ambulanten Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, Quartiersarbeit. Wie schätzen Sie die Relevanz z. B. des Diakonischen Werkes Solingen ein, damit Solingen kindgerechter wird?
Prof. Dr. Kurtenbach: Ohne die freie Wohlfahrtspflege geht es nicht, aber sie alleine kann es auch nicht. Das ist in Solingen so, aber gilt auch für alle Kommunen in Deutschland. Die Träger der freien Wohlfahrtspflege sind Profis in der Konzeption der Gestaltung von Orten der Kindheit, aber auch sie haben bislang keine Strukturen geschaffen, Kinder aktiv dann zuzuhören und zu beteiligen, wenn es um Entscheidungen geht, die sie betreffen. Sie als Profi für die Orte der Kindheit könnten hier gut zeigen, wie man Kinder in den Mittelpunkt rückt und mit gutem Beispiel für die Stadtgesellschaft vorangehen.
Ulrike Kilp: Wie schätzen Sie die Lage der Kinder in Solingen ein?
Prof. Dr. Kurtenbach: Nichts deutet darauf hin, dass die Lage von Kindern in Solingen in besonderer Weise anders ist als an anderen Orten. Eine flächendeckende und ernstnehmende Beteiligung gibt es nicht, innovative Schulkonzepte, wie Community Zentren, sind nicht auszumachen und auch eine systematische Ansprache der älteren Generation zur Förderung von Kindern liegt nicht vor. Das ist aber nicht spezifisch für Solingen, sondern ein grundsätzliches Phänomen. Es gibt in jeder Kommune einzelne gute Beispiele und tolle Einrichtungen, aber das ersetzt nicht den grundsätzlichen Kulturwandel, der in der alternden Gesellschaft notwendig ist.
Ulrike Kilp: Wir starten in Kürze die Kampagne für ein kindgerechtes Solingen 2026. Damit wollen wir erreichen, dass Kindheit mehr ins Zentrum politischen und gesellschaftlichen Handelns rückt. Außerdem erwarten wir Unterstützung aus der Stadtgesellschaft – auch finanzieller Art – für die Absicherung und Stärkung unserer „Regelangebote“ und darüber hinaus. Was denken Sie darüber?
Prof. Dr. Kurtenbach: Ich hoffe, dass Sie bei der Kampagne grundsätzlich Kinder und Jugendliche bei der Planung und Umsetzung beteiligt haben, sodass es nicht nur eine Kampagne für Kinder, sondern mit Kindern ist und dass Sie dabei auch aktiv auf die ältere Generation eingehen. Denn wir brauchen eine generationenübergreifende Solidarität, sonst verbleiben Kinder in ihrer Außenseiterposition. Wenn die Kampagne solche Strukturelemente beinhaltet, dann kann sie ein Signal in die Stadtgesellschaft tragen, Kinder wirklich in den Mittelpunkt zu rücken. Der Vorteil wäre, dass man in Zukunft gar nicht mehr über die bedarfsgerechte Ausstattung der Einrichtungen diskutieren muss, in der die Gesellschaft von morgen die meiste Zeit ihrer Kindheit verbringt, sondern sie selbstverständlich zum Aushängeschild der Stadt geworden sind.
Ulrike Kilp: Tatsächlich haben wir damit begonnen, nicht nur für Kinder, sondern mit Kindern zu reden. Doch mehr dazu erfahren Sie in der nächsten Ausgabe unseres Newsletters am 19.02.2026.
Ich danke Ihnen für das spannende Interview!
Fotos: FH Münster/Anne Holtkötter bzw. Anna Thelen
https://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.png00dw-treskeshttps://diakonie-solingen.de/wp-content/uploads/2024/02/Logo-Diakonie-Solingen-2024-3.pngdw-treskes2026-02-04 09:41:052026-02-09 12:27:34Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach
Schutzkonzept
AllgemeinSchutz braucht Aufmerksamkeit, Wissen und klare Wege
Seit 2021 gibt es ein gemeinsames Schutzkonzept zur Prävention von sexualisierter Gewalt. Hierdurch soll eine Haltung der gegenseitigen Achtsamkeit entstehen und alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden erhalten Handlungssicherheit. Denn Schutz entsteht nicht allein durch gute Absichten. Er braucht Sensibilität, Wissen, benannte Zuständigkeiten und vor allem eine klare Haltung
Aufmerksamkeit: Hinschauen statt wegsehen
Dabei steht niemand unter Generalverdacht. Pädagogische, diakonische und kirchliche Arbeit lebt von Beziehungen, Vertrauen und Nähe. Gleichzeitig braucht sie ein bewusstes Verhältnis von Nähe und Distanz. Die Schulungen unterstützen die Teilnehmenden dabei, das eigene Verhalten zu reflektieren, persönliche Grenzen wahrzunehmen und auch langjährige Gewohnheiten kritisch zu hinterfragen.
Die uns anvertrauten Menschen sollen erfahren, dass ihre Grenzen respektiert werden und dass sie sich für diese einsetzen dürfen.
Wissen: Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche
Im Evangelischen Kirchenkreis Solingen sind vier Multiplikatorinnen im Auftrag des Kirchenkreises für die Schulungen tätig.
Es gibt je nach Tätigkeitsfeld abgestufte Schulungen. Genauer Infos finden Sie unter folgendem Link: Schutz gegen sexuelle Gewalt – Schulungstermine für Mitarbeitende 2026 – Solingen
Neben den zentral angebotenen Terminen können Gemeinden, Einrichtungen, Kindertagesstätten oder einzelne Handlungsfelder auch eine eigene Schulung anfragen. Wenn eine ausreichende Zahl an Teilnehmenden zusammenkommt, werden gemeinsame Termine vereinbart. Dadurch können die Angebote bedarfsgerecht organisiert und möglichst viele Mitarbeitende erreicht werden.
Verantwortlich für das Schutzkonzept und die Durchsetzung der Schulungspflicht sind die jeweiligen Leitungspersonen.
Klare Wege: Was ist im Ernstfall zu tun?
Ein wichtiger Bestandteil der Schulungen neben der Sensibilisierung ist die Frage, wie Mitarbeitende bei einer möglichen Grenzverletzung oder einer auffälligen Beobachtung handeln sollen. Niemand soll aus Unsicherheit handlungsunfähig sein. Denn Unsicherheit kann dazu führen, dass Menschen zögern oder eine Wahrnehmung zunächst für sich behalten. Das Schutzkonzept schafft deshalb eindeutige Ansprech- und Meldewege, die für alle verpflichtend sind.
Hierfür gibt es im Kirchenkreis zwei Vertrauenspersonen: Simone Henn-Pausch und Simone Tschense. Die beiden fungieren bei einer Meldung als Lotsen im System und leiten das weitere Vorgehen ein. Bei einer beobachteten oder mitgeteilten Grenzverletzung müssen sie kontaktiert werden. Das gilt ausdrücklich auch dann, wenn noch keine Gewissheit besteht und zunächst nur ein ungutes Gefühl vorhanden ist. Es ist daher auch möglich, dass Irritationen mit den Vertrauenspersonen anonymisiert besprochen werden können.
Offenheit und klare Kommunikation helfen dabei, Menschen zu schützen und zugleich allen Beteiligten Sicherheit im Umgang mit Beobachtungen und Verdachtsmomenten zu geben.
Schutz ist eine gemeinsame Aufgabe
Die Schulungen behandeln ein sensibles Thema. Dennoch zeigen die bisherigen Rückmeldungen nach Aussage der Teilnehmenden, dass sie verständlich, praxisnah und kurzweilig gestaltet sind.
Entscheidend ist, dass alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Menschen zu schützen heißt, ihre Grenzen ernst zu nehmen und ihre Selbstbestimmung zu stärken.
Das Schutzkonzept gibt dafür einen verbindlichen Rahmen. Die Schulungen füllen diesen Rahmen mit Wissen, Aufmerksamkeit und konkreten Handlungsmöglichkeiten. So wird aus dem Anspruch, ein sicherer Ort zu sein, eine Aufgabe, an der alle gemeinsam und transparent mitwirken.
Mehr zum Schutzkonzept finden Sie hier
Pilotprojekt zum Thema Medienkonsum
Allgemein„Ich wusste nicht, dass mein eigener Medienkonsum so eine Auswirkung auf meine Tochter haben kann!“
Diese und ähnliche Aussagen hörten die Fachkräfte beim Pilotprojekt in der Kita Löwenzahn.
In vier Einheiten beschäftigen sich die Familien mit dem Thema „Medien in Familien“.
In den weiteren Einheiten ging es um die konkreten Auswirkungen von Medienkonsum auf junge Kinder. Die Empfehlung, bis zum dritten Lebensjahr auf Bildschirmzeit möglichst zu verzichten, wurde ebenso besprochen wie die Frage, was ein gesunder, altersgerechter Medienkonsum danach bedeuten kann. Dabei entstanden lebhafte Diskussionen unter den Eltern – etwa darüber, ob ein Kinobesuch mit dem Vorschulkind sinnvoll mit den täglichen Bildschirmzeit-Empfehlungen vereinbar ist. „Die Eltern wurden da fast strenger als wir“, erinnert sich Anne Johann.
In der Abschlusseinheit wurden medienfreie Beschäftigungsideen erarbeitet und mit den Kindern umgesetzt – von selbst hergestellter Knete bis zu Rückenmassage-Geschichten, war einiges dabei.
Das Pilotprojekt in der Kita Löwenzahn war ein erster Testlauf – mit dem klaren Ziel, das Angebot langfristig auf alle Kitas des Diakonischen Werkes auszuweiten. Denkbar ist dabei ein Baukastensystem: von einem einzelnen Elterninformationsabend über einen Workshop-Nachmittag bis hin zum kompletten vierteiligen Format, je nach Bedarf und zeitlichen Möglichkeiten der Familien. Auch eine Ausweitung auf die flexiblen Erziehungshilfen sowie ein noch früherer Ansatzpunkt – etwa im Rahmen der Schwangerschaftsvorbereitung – werden angedacht.
„Wir würden uns wünschen, dass sich so viele Eltern wie möglich mit dem Thema auseinandersetzen!“
War die Aussage eines Elternpaares beim Nachtreffen einige Wochen nach dem Projekt.
Bildnachweis: istockphoto/mheim3011
Zertifizierung mit dem BETA-Gütesiegel
AllgemeinDas Gütesiegel schafft Transparenz und stärkt Beteiligung
(v.l.n.r.) Ute Retterath, Caroline Busse, Bianca Otto, Petra Butterweck und Ulrike Kilp, Foto: Christian Beier
Vier evangelisch-diakonische Kitas in Solingen sind mit dem BETA-Gütesiegel zertifiziert worden.
Im Gespräch berichten Kita-Leitungen und Fachverantwortliche, was das Qualitätssiegel für Kinder, Eltern, Teams und die diakonische Profilierung der Einrichtungen bedeutet.
Das BETA-Gütesiegel ist eine werteorientiertes, partizipatives System, das die pädagogische und organisatorische Arbeit in Kindertagesstätten nach Qualitätskriterien und -zielen in 37 Prozessen beschreibt. Es ist über alle Kirchenkreise hinweg gleich, von Schleswig-Holstein bis Bayern gelten in zertifizierten Kitas die gleiche Standards.
„Um für die religions- und sozialpädagogische Arbeit in den Tageseinrichtungen für Kinder und für die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern eine möglichst hohe Qualität zu gewährleisten, stehen Träger in der Verantwortung, systematische Qualitätsentwicklung und -sicherung zu betreiben und ein Qualitätsmanagementsystem einzuführen.“
(Quelle: https://beta-diakonie.de/angebot/beta-guetesiegel/)
Ulrike Kilp:
Liebe Frau Otto, vier evangelisch-diakonische Kitas in Solingen sind nun mit dem BETA-Gütesiegel zertifiziert. Was haben Kinder und Eltern ganz konkret von diesem Gütesiegel?
Bianca Otto (Einrichtungsleiterin der Kita Dorp):
Für die Kinder bedeutet das Gütesiegel vor allem mehr Struktur, mehr Beteiligung und eine bewusste Reflexion unseres pädagogischen Handelns. Wir haben viele Abläufe in der Kita noch einmal neu betrachtet und weiterentwickelt. Besonders die Partizipation der Kinder ist stärker in den Mittelpunkt gerückt. Sie werden heute noch deutlicher eingebunden und erleben, dass ihre Perspektive wichtig ist.
Auch für Eltern ist durch das Gütesiegel mehr Transparenz entstanden. Sie können besser nachvollziehen, wie wir arbeiten, welche pädagogischen Ziele wir verfolgen und woran wir unsere Qualität messen. Wichtig ist außerdem: Mit der Zertifizierung verpflichten wir uns, unsere Arbeit regelmäßig zu überprüfen. Dadurch bleiben wir im Gespräch darüber, ob das, was wir tun, tatsächlich dem Wohl der Kinder und Familien dient.
„Ein bundesweit vergleichbarer Qualitätsstandard mit evangelisch-diakonischem Profil“
Ulrike Kilp:
Frau Butterweck, Sie begleiten das Handlungsfeld der Kindertagesstätten. Was genau ist das BETA-Gütesiegel und wofür steht es?
Petra Butterweck:
Das BETA-Gütesiegel beschreibt die religionspädagogische und pädagogische Arbeit in evangelischen Kitas unter Einbeziehung der gesetzlichen Standards. Es geht um Qualität, Sicherheit, Bildung, Partizipation und eine reflektierte Zusammenarbeit mit Kindern, Eltern und Mitarbeitenden. Das Besondere ist, dass das Gütesiegel bundesweit vergleichbar ist. Eine evangelische Kita, die nach dem BETA-Gütesiegel zertifiziert ist, arbeitet nach gemeinsamen Qualitätsstandards — bei aller Individualität, die jede Einrichtung selbstverständlich behält.
Ulrike Kilp:
Unterscheidet sich das BETA-Gütesiegel damit von Qualitätsstandards anderer Träger?
Petra Butterweck:
Ja und nein. Natürlich beschreibt das Gütesiegel zunächst grundlegende pädagogische Anforderungen, die alle Kitas erfüllen müssen. Darüber hinaus macht es aber unser evangelisch-diakonisches Profil sichtbar. Die christlich orientierten Werte von Kirche und Diakonie sind nicht nur ein Zusatz, sondern der Boden, auf dem unsere pädagogische Arbeit steht. Das Gütesiegel verbindet gute Pädagogik mit einer klaren Werteorientierung.
„Der Prozess hat die Teams gestärkt“
Ulrike Kilp:
Frau Busse, Sie leiten die Kita Parkstraße in Ohligs. Wie haben Sie den Qualitätsmanagementprozess als Kita-Leitung erlebt?
Caroline Busse:
Zu Beginn war der Prozess für die Teams durchaus herausfordernd. Die administrativen Anforderungen in Kitas sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, und zunächst war nicht absehbar, wie viel zusätzliche Arbeit auf uns zukommen würde. Umso wichtiger war die Unterstützung durch die Diakonie. Mit Frau Braun-Stegemann hatten wir eine QM-Begleitung, die sehr wertschätzend, beruhigend und strukturiert mit den Kitas gearbeitet hat.
Die Termine waren gut abgestimmt, niemand wurde unter Druck gesetzt, und jede Kita konnte ihren eigenen Rhythmus finden. Stück für Stück haben wir insgesamt 37 Prozesse bearbeitet, im Team besprochen und verbindlich festgehalten. Dadurch entstand nicht nur ein QM-Ordner, sondern vor allem ein gemeinsames Verständnis unserer Arbeit. Das Audit am Ende war für uns eine große Bestätigung: Der mündliche Bericht war geprägt von Lob, Wertschätzung und Anerkennung für unser tägliches Tun.
Das BETA-Gütesiegel ist aus meiner Sicht ein echter Mehrwert — für Kinder, Eltern und Mitarbeitende. Es bestätigt die Professionalität unserer diakonischen Kitas und macht sichtbar, was dort jeden Tag an guter, kindorientierter und familienunterstützender Arbeit geleistet wird.
„Kinder erleben: Ich kann mitentscheiden“
Ulrike Kilp:
Frau Retterath, Sie leiten die Kita Birkerstraße. Was hat sich durch den QM-Prozess konkret positiv verändert?
Ute Retterath:
Ein gutes Beispiel ist das Mittagessen. Dieses Thema begleitet uns in der Kita schon lange, weil es den Tagesablauf strukturiert und wichtige Übergänge markiert. Durch den QM-Prozess ist die Beteiligung der Kinder hier noch einmal deutlich stärker geworden. Die Mitarbeitenden haben nicht einfach eigene Ideen entwickelt, sondern sind mit den Kindern ins Gespräch gegangen: Wie soll euer Tisch aussehen? Was ist euch wichtig?
Dabei entstanden sehr unterschiedliche und kreative Lösungen. In einer Gruppe wollten die Kinder zum Beispiel Steine in der Tischmitte haben. Andere Kinder nutzten ihre Fotos, mit denen sie sonst anzeigen, in welchem Raum sie sich befinden, als eine Art Tischkärtchen für das Mittagessen. Für uns war das eine wichtige Erfahrung: Wir müssen Kindern nicht immer fertige Ideen anbieten. Wir müssen ihnen den Raum geben, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
Ulrike Kilp:
Was macht das mit Kindern, wenn sie solche Räume zur Mitentscheidung bekommen?
Ute Retterath:
Sie strahlen. Sie erleben sich als selbstwirksam und entwickeln sich weiter. Kinder spüren: Meine Idee zählt. Ich werde gesehen. Und das wirkt nicht nur auf das einzelne Kind, sondern auch in die Gruppe hinein.
„Aus anfänglichem Widerstand wurde ein Gewinn“
Ulrike Kilp:
Frau Butterweck, wenn Sie auf den gesamten Prozess blicken: Was nehmen Sie besonders wahr?
Petra Butterweck:
Besonders spannend war zu sehen, wie sich der Prozess verändert hat. Am Anfang gab es durchaus Widerstand und die Sorge: „Das auch noch?“ Im Laufe der Zeit ist daraus aber die Erfahrung geworden: Wir haben viel hinzugewonnen und viel gelernt. Die Wertschätzung der eigenen Arbeit und die partizipativen Prozesse haben in allen Häusern gewirkt. Für das Kindeswohl, aber auch für zufriedene Mitarbeitende, ist das ein großer Gewinn.
„Qualität gibt Sicherheit — und macht Lust auf Zukunft“
Ulrike Kilp:
Ich nehme aus diesem Gespräch mit: Wir brauchen heute Kitas, die Qualität nicht nur beschreiben, sondern im Alltag leben. Die Anforderungen an frühkindliche Bildung sind gestiegen. Umso wichtiger sind Teams, die ihre Arbeit reflektieren und ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln, wie Kita organisiert, gelebt und gestaltet wird.
Das BETA-Gütesiegel macht sichtbar, dass Kinder in unseren Einrichtungen darin unterstützt werden, mutig, selbstbewusst und selbstwirksam groß zu werden. Zugleich ist es eine Anerkennung für die Teams, die sich auf diesen Prozess eingelassen und ihn mit Leben gefüllt haben. Dafür gilt allen Beteiligten ein herzlicher Dank — und es macht Lust auf Zukunft und auf gute Kitas in Solingen.
Anmerkung:
Kurz nach diesem Interview wurde auch die Kita Sandstraße zertifiziert, wir freuen uns über diese tolle Leistung von Frau Fischer und ihrem Team und danken allen für die hervorragende Arbeit!
SiRaSol – Sichere Räume Solingen: Resilienz, Handlungskompetenz und Vernetzung
AllgemeinSolingen, 06. August 2026 – Zwei Jahre nach dem Messerattentat vom 23. August 2024 zieht das Diakonische Werk Solingen Bilanz seiner Präventionsarbeit und stellt die Weiterentwicklung seines Projektes zur Radikalisierungsprävention vor. Unter dem neuen Namen „SiRaSol – Sichere Räume Solingen: Resilienz, Handlungskompetenz und Vernetzung“ soll deutlich werden, wofür das Diakonische Werk Solingen steht: die Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Förderung demokratischer Teilhabe, die Entwicklung widerstandsfähiger Strukturen in einer vielfältigen Stadtgesellschaft und die Erhöhung der Handlungssicherheit von Fachkräften durch Wissen, Vernetzung und Orientierung.
Foto: Christian Beier
„Das Attentat hat unsere Stadt tief erschüttert. Es hat Fragen aufgeworfen, die uns bis heute beschäftigen: Wie entsteht Radikalisierung? Wie können wir Menschen frühzeitig erreichen? Und was können wir als Stadtgesellschaft tun, damit extremistische Ideologien gar nicht erst attraktiv werden?“, erklärt Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen.
Als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse wurde 2025 ein Projekt zur Radikalisierungsprävention aufgebaut und durch eine Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen ermöglicht. Im Mittelpunkt stehen die fachliche Auseinandersetzung mit aktuellen Radikalisierungsphänomenen, die Weiterentwicklung sozialarbeiterischer Handlungskompetenzen sowie der Aufbau tragfähiger Netzwerkstrukturen in Solingen.
Die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass Radikalisierung nicht isoliert betrachtet werden kann. Ausgrenzungserfahrungen, mangelnde Teilhabemöglichkeiten, Orientierungslosigkeit und digitale Einflussräume spielen eine wichtige Rolle. Zugleich verfügt Solingen über starke Ressourcen: engagierte Fachkräfte, Vereine, Religionsgemeinschaften, Bildungseinrichtungen und eine aktive Zivilgesellschaft. Genau hier setzt SiRaSol an.
„Prävention beginnt lange bevor Sicherheitsbehörden tätig werden müssen“, betont Judith Yazdani, Handlungsfeldleitung Gesellschaftliche Teilhabe im Diakonischen Werk Solingen. „Menschen benötigen Orte, an denen sie Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit erfahren können. Deshalb schaffen wir Räume für Begegnung, Dialog und Beteiligung.“
Die Basis für das Projekt bildet die praktische Arbeit mit der Zielgruppe, unter anderem im Rahmen von Community-Events, interkulturellen Begegnungsangeboten, Sprachcafés sowie durch die Kooperation mit religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ziel ist es, Resilienz zu stärken, Vertrauen aufzubauen und frühzeitig positive Perspektiven zu eröffnen.
Mit der Weiterentwicklung von SiRaSol rücken drei Aspekte besonders in den Fokus: die Stärkung der Handlungssicherheit von Fachkräften, die Förderung von Resilienz und die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure. Dazu werden unter anderem ein praxisnaher Methodenkoffer, konkrete Handlungsschritte und weitere Unterstützungsangebote entwickelt, die Fachkräften mehr Orientierung und Sicherheit im Umgang mit Radikalisierungsanzeichen geben.
Gleichzeitig fördert SiRaSol den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Institutionen, Vereinen, Religionsgemeinschaften und weiteren gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in Solingen. Ziel ist es, bestehende Strukturen zu stärken, Wissen zu bündeln und langfristig tragfähige Netzwerke für Prävention aufzubauen. SiRaSol versteht sich damit nicht nur als Präventionsprojekt, sondern auch als Impulsgeber für Vernetzung, Kooperation und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Solingen.
Das Projekt wird durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen seit Juni 2025 gefördert. Seit Juni 2026 wird die Arbeit zudem wissenschaftlich durch die Fachhochschule Münster begleitet. Gemeinsam werden Erfahrungen aus der praktischen Arbeit ausgewertet und reflektiert, um Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Präventionsarbeit zu gewinnen. Auf diese Weise sollen praxisnahe Ansätze fachlich eingeordnet, weiterentwickelt und für Solingen sowie darüber hinaus nutzbar gemacht werden.
Trotz der bereits erreichten Fortschritte bleiben die Herausforderungen groß. Radikalisierungsprozesse verlagern sich zunehmend in digitale Räume und soziale Medien. Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche Polarisierung und demokratiefeindliche Tendenzen zu. Fachkräfte benötigen Unterstützung und Handlungssicherheit, um Risiken frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren. Zudem braucht Präventionsarbeit langfristige und verlässliche Strukturen, da Vertrauen und Resilienz nicht kurzfristig entstehen. Diese Herausforderungen betreffen nicht nur einzelne Institutionen, sondern die gesamte Stadtgesellschaft.
„Die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir auf Radikalisierung reagieren. Entscheidend ist, was wir gemeinsam tun, damit Menschen gar nicht erst für extremistische Ideologien empfänglich werden“, so Ulrike Kilp. „Mit SiRaSol investieren wir deshalb in Resilienz, Zugehörigkeit und demokratischen Zusammenhalt. Das ist die nachhaltigste Form von Prävention.“
Ambulante Krebsberatung
AllgemeinDie Versorgungslücke zwischen Klinik und Alltag schließen
Eine Krebsdiagnose verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Während die medizinische Versorgung in den Kliniken und spezialisierten Zentren heute auf einem sehr hohen Niveau stattfindet, stehen viele Betroffene und ihre Angehörigen nach der Entlassung vor einer Vielzahl neuer Fragen: Wie geht es im Alltag weiter? Welche sozialrechtlichen Ansprüche habe ich? Wer unterstützt mich bei Ängsten, Unsicherheiten und seelischen Belastungen? Genau hier setzt die Ambulante Krebsberatungsstelle des Diakonischen Werkes Solingen an.
Die Beratungsstelle schließt eine wichtige Versorgungslücke zwischen medizinischer Behandlung und dem Leben nach der Klinik. Betroffene benötigen nicht nur medizinische Hilfe, sondern vor allem Unterstützung bei der Bewältigung ihres veränderten Alltags, ihrer Sorgen und Zukunftsfragen. Die Krebsberatung bietet hierfür Zeit, Aufmerksamkeit und professionelle Begleitung auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Ein multidisziplinäres Konzept für die Menschen
Besonders ist das ganzheitliche Beratungskonzept unserer Ambulanten Krebsberatung. Hier werden soziale und psychoonkologische Kompetenzen miteinander verbunden, um den vielfältigen Bedürfnissen von Menschen mit einer Krebserkrankung gerecht zu werden. Das Angebot richtet sich sowohl an Patientinnen und Patienten als auch an Angehörige und ist kostenfrei.
Die soziale und psychoonkologische Beratung unterstützt bei zahlreichen praktischen und sozialrechtlichen Fragen, stabilisiert bei der Neuorientierung in einem veränderten Leben. Dazu gehören beispielsweise Informationen zu Rehabilitationsmaßnahmen, Schwerbehindertenanträgen, pflegerischen Hilfen, Unterstützungsleistungen oder Hilfen aus dem Härtefonds der Deutschen Krebshilfe. Das Angebot hilft im Besonderen dabei, die seelischen Belastungen einer Krebserkrankung zu bewältigen. Ängste, Unsicherheiten, Erschöpfung oder die Frage, wie das Leben nach der Therapie aussehen kann, beschäftigen viele Betroffene über lange Zeit. Hier finden sie professionelle Begleitung, emotionale Unterstützung und bei Bedarf auch Überbrückungsgespräche bis zur Aufnahme weiterer therapeutischer Angebote.
Starkes Netzwerk für Solingen
Gemeinsam mit medizinischen Einrichtungen entsteht so ein Netzwerk, das Menschen nicht nur während der Behandlung, sondern auch in der oftmals herausfordernden Zeit danach begleitet. Denn Krebs endet nicht mit der Entlassung aus der Klinik. Viele Fragen beginnen erst dann.
Für Menschen da sein – auch nach der Therapie
Die Ambulante Krebsberatung steht Betroffenen in jeder Phase der Erkrankung offen – von der Erstdiagnose über die Therapiezeit bis weit in die Nachsorge hinein. Sie bietet Orientierung, stärkt Ressourcen und eröffnet neue Perspektiven. Gerade in einer Zeit, in der das Gesundheitssystem zunehmend unter Druck steht, zeigt sich der Wert solcher niedrigschwelligen und wohnortnahen Unterstützungsangebote besonders deutlich.
Mit ihrer multidisziplinären Ausrichtung leistet die Ambulante Krebsberatungsstelle einen wichtigen Beitrag dazu, dass Menschen mit einer Krebserkrankung und ihre Angehörigen nicht allein bleiben. Sie hilft dabei, die Lücke zwischen medizinischer Behandlung und Alltag zu schließen – menschlich, professionell und verlässlich. Besuchen Sie hier die Seite der ambulanten Krebsberatungsstelle.
Wenn Zahlen Existenzen gefährden…
Allgemein… und schnelle Beratung den Unterschied macht
Manchmal beginnt es mit einem Brief – und plötzlich ist das eigene Konto blockiert. Geld, das eigentlich für Miete, Strom oder den Einkauf gedacht ist, steht nicht mehr zur Verfügung.
Genau diese Situationen stehen im Mittelpunkt der bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung vom 15. bis 19. Juni 2026 unter dem Motto: „Wie komme ich an mein Geld? – Wenn das P-Konto zum Problemkonto wird“.
Was abstrakt klingt, ist für viele Menschen in Solingen bittere Realität. Wenn Freibeträge nicht rechtzeitig freigegeben werden, geraten auch Familien von heute auf morgen in existenzielle Not.
Hier wirkt die Schuldnerberatung des Diakonischen Werks Solingen – leise, aber entscheidend. Sie sorgt dafür, dass Menschen wieder an das Geld gelangen, das ihnen gesetzlich zusteht. Sie hilft, wenn scheinbar nichts mehr geht.
Bevor das nicht pfändbare Einkommen von der Bank wieder freigegeben werden kann, prüfen und bescheinigen unsere Berater*innen, wie viel Geld z. B. einer bei uns begleiteten alleinerziehenden Mutter und ihren vier Kindern zum Leben zusteht:
Die Beratung und Prüfung der Einkommenslage und der gesetzlich festgelegten Bedarfe der Familie schützt damit besonders die, die am verletzlichsten sind: die vier Kinder. Denn wenn zu Hause plötzlich das Geld fehlt, spüren Kinder das sofort. Die Mutter erfährt zugleich eine unmittelbare Entlastung, wenn die Mietzahlung und die Stromkosten vom Konto überwiesen werden. Ein gesicherter Familienalltag ist keine Selbstverständlichkeit – er braucht Menschen, die hinschauen und handeln. So wird Schuldnerberatung zu mehr als Hilfe in finanziellen Fragen. Sie wird zu einem wichtigen Beitrag für ein kindgerechtes Solingen – konkret, wirksam und getragen von Solidarität.
Lesen Sie hier noch mehr über die Schuldner- und Insolvenzberatung unseres Arbeitsbereiches „Gesellschaftliche Teilhabe“ und lernen Sie das Team kennen!
Workshop: Medizinische Hautpflege und Kosmetik in der Chemo,- und Strahlentherapie
AllgemeinSolingen, 29.04.2026
Herzliche Einladung an alle Betroffenen:
1. Solinger Tag für Frauengesundheit
AllgemeinAls Highlight konnte ein großes, begehbares Gebärmutter-Modell betrachtet werden. Außerdem gab es viele wichtige Informationen zu Themen wie Wechseljahre, HPV u.v.m.. Das Angebot wurde sehr gut angenommen, es war viel los. Auch viele Schulklassen nutzten die Gelegenheit und konnten sich gezielt zum Thema Frauengesundheit informieren.
Eine Besucherin zeigte sich begeistert vom Konzept: „Es ist so wichtig, Informationen anschaulich und niederschwellig darzustellen und vor allem jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich über solche Themen zu informieren. Manchmal ist es erschreckend, wie wenig Mädchen und junge Frauen über ihren eigenen Körper wissen.“
Solinger Kinder erlebten Zirkusfeeling in den Osterferien
AllgemeinOsterfreude, die bleibt, und junge Menschen verändert
In der Woche konnten die Kinder Neues zu erfahren, Grenzen überwinden und Selbstvertrauen gewinnen. Das Projekt mit dem Circus Lollipop verband körperliche Aktivität und kreatives Lernen und schaffte Gemeinschaft, unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft oder Konfession der Kinder. Das Ehepaar Wandruschka leitet den Circus Lollipop seit 2023. Beide haben langjährige Erfahrung bei so bekannten Namen wie Roncalli oder Knie.
Das Diakonische Werk Solingen hatte die Trägerschaft für dieses tolle Ferienprojekt übernommen. Initiator und Projektleiter war Hans-Peter Claus, Mitglied im Solinger Beirat für Menschen mit Behinderung und Gründer des inklusiven „Einmalig-Chor Solingen“. Das Projekt wurde von InklusionSolingen unterstützt.
Spenden Sie jetzt!
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Unser Spendenkonto:
Diakonisches Werk Solingen
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE10 3425 0000 1000 1256 23
Oder direkt über unser Spendenformular:
Hinweis zum SEPA Verfahren:
Bitte beachten Sie, dass der Einzug Ihrer Spende aus technischen Gründen mehrere Werktage in Anspruch nehmen kann. Als Zahlungsempfänger wird der Evangelische Kirchenkreis Solingen erscheinen.
Bildnachweis: Diakonisches Werk Solingen / Viktoria Liebsch
Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach
AllgemeinInterview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik an der Fachhochschule Münster
Das Interview führte Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen
Ulrike Kilp: Prof. Kurtenbach, Sie machen von sich reden, u. a. wg. Ihres Buches mit dem Titel „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, das Sie mit Aladin El-Mafaalani und Klaus Peter Strohmeier veröffentlicht haben. In dem Buch fordern Sie ein Umdenken: Kinder müssen aus ihrer Außenseiterposition ins Zentrum gerückt werden. Was genau meinen Sie damit?
Ulrike Kilp: Welche Veränderungen bestimmen heute Kindheit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Die prekäre Situation von Kindern heute hat sich auf Grundlage von drei Schieflagen entwickelt. Die erste ist die demografische Schieflage, die man sich ganz leicht merken kann: Es gibt heute etwa doppelt so viele 60-Jährige wie 6-Jährige in diesem Land. Die zweite Schieflage ist die demokratische Schieflage. Bereits bei der letzten Bundestagswahl waren mehr als 58 Prozent aller Wahlberechtigten älter als 50 Jahre, das Durchschnittsalter derjenigen, die in Stadträten sitzen, liegt noch darüber. Sowohl die großen Wählergruppen als auch die große Mehrheit der Entscheidungsträger haben damit keinen alltäglichen Kontakt zu Kindern und ahnen mehr, als sie über Kindheit heute wissen. Drittens hat sich eine sozialpolitische Schieflage entwickelt, die ja während des Streits um die Rente breit diskutiert wurde. Der Bund gibt heute bereits etwa jeden dritten Euro für den Steuerzuschuss in die gesetzliche Rente und zur Bekämpfung von Altersarmut aus, die Pensionen für Beamte noch gar nicht eingerechnet. Damit geht aber Spielraum für Zukunftsinvestitionen verloren.
Ulrike Kilp: Sie analysieren „fragmentierte Kindheiten“ in fünf Dimensionen. Was meinen Sie damit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Fragmentierte Kindheit ist eines der Merkmale, die Kindheit heute von der von früher unterscheidet. Ein wichtiges anderes Merkmal ist Superdiversität, also eine so große herkunftsbedingte Heterogenität, Sprachenvielfalt und Religionen, die z. B. in einer durchschnittlichen Grundschulklasse in Solingen zu finden sind, sodass es keine Mehrheitsgruppe mehr gibt. Ebenso ist das Zeitregime von Kindern heute anders als früher, Kinder verbringen heute mehr wache Zeit in den Bildungsinstitutionen als zu Hause. Zugleich haben sich Kindheiten entwickelt, die wenig miteinander zu tun haben. Das meint Fragmentierung. Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen Familien auf, was Zeit und Geld angeht, leben in unterschiedlichen Nachbarschaften, gehen in Bildungsinstitutionen, die nicht alle gleich gut sind, haben nicht den gleichen Zugang zu informellen Lernräumen wie Vereine oder auch Spielplätze, und auch nicht alle Kinder haben Kontakt zu Erwachsenen außerhalb ihrer Familie, die sie fördern. Diese Unterschiede machen fragmentierte Kindheit aus und bilden eine neue Qualität der Ungleichheit.
Ulrike Kilp: Wie kann die gesellschaftliche Bedeutung kindheitsorientierter Bildungs- und Sozialpolitik gestärkt und mehr in den Fokus sozialpolitischen Handelns gerückt werden?
Prof. Dr. Kurtenbach: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die wir in unserem Buch besprechen. Grundlegend ist ein Kulturwandel, sodass vom Kind aus gedacht wird und nicht von Trägerinteressen oder Organisationslogiken. Der Kulturwandel bedeutet aber auch, Entscheidungen und Politik nicht nur für, sondern auch mit Kindern zu machen. Dafür müssen wir Kinder aktiv in Entscheidungsprozesse einbinden. Zukunftsräte wären ein solches Format, das die Juristin Henrike von Scheliha entwickelt hat. Die Idee ist so schlicht wie effektiv. Dem Stadtrat, Kreistag, Landtag sowie Bundestag wird ein Zukunftsrat, besetzt mit jungen Menschen zwischen 10 und 25 Jahren, an die Seite gestellt. Dieser Zukunftsrat hat das Recht, für alle anstehenden Entscheidungen eine Stellungnahme abzugeben, über die das beschlussfassende Gremium, wie der Bundestag, öffentlich debattieren muss. Die parlamentarische Entscheidungshoheit wäre damit nicht berührt, die Perspektive junger Menschen würde aber strukturell gehört werden. Das kann sofort eingeführt werden, auch in Solingen.
Ulrike Kilp: Das Diakonische Werk Solingen verantwortet aktuell Kitas, Offenen Ganztag an Schule, Präventionsangebote in der ambulanten Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, Quartiersarbeit. Wie schätzen Sie die Relevanz z. B. des Diakonischen Werkes Solingen ein, damit Solingen kindgerechter wird?
Prof. Dr. Kurtenbach: Ohne die freie Wohlfahrtspflege geht es nicht, aber sie alleine kann es auch nicht. Das ist in Solingen so, aber gilt auch für alle Kommunen in Deutschland. Die Träger der freien Wohlfahrtspflege sind Profis in der Konzeption der Gestaltung von Orten der Kindheit, aber auch sie haben bislang keine Strukturen geschaffen, Kinder aktiv dann zuzuhören und zu beteiligen, wenn es um Entscheidungen geht, die sie betreffen. Sie als Profi für die Orte der Kindheit könnten hier gut zeigen, wie man Kinder in den Mittelpunkt rückt und mit gutem Beispiel für die Stadtgesellschaft vorangehen.
Ulrike Kilp: Wie schätzen Sie die Lage der Kinder in Solingen ein?
Prof. Dr. Kurtenbach: Nichts deutet darauf hin, dass die Lage von Kindern in Solingen in besonderer Weise anders ist als an anderen Orten. Eine flächendeckende und ernstnehmende Beteiligung gibt es nicht, innovative Schulkonzepte, wie Community Zentren, sind nicht auszumachen und auch eine systematische Ansprache der älteren Generation zur Förderung von Kindern liegt nicht vor. Das ist aber nicht spezifisch für Solingen, sondern ein grundsätzliches Phänomen. Es gibt in jeder Kommune einzelne gute Beispiele und tolle Einrichtungen, aber das ersetzt nicht den grundsätzlichen Kulturwandel, der in der alternden Gesellschaft notwendig ist.
Ulrike Kilp: Wir starten in Kürze die Kampagne für ein kindgerechtes Solingen 2026. Damit wollen wir erreichen, dass Kindheit mehr ins Zentrum politischen und gesellschaftlichen Handelns rückt. Außerdem erwarten wir Unterstützung aus der Stadtgesellschaft – auch finanzieller Art – für die Absicherung und Stärkung unserer „Regelangebote“ und darüber hinaus. Was denken Sie darüber?
Prof. Dr. Kurtenbach: Ich hoffe, dass Sie bei der Kampagne grundsätzlich Kinder und Jugendliche bei der Planung und Umsetzung beteiligt haben, sodass es nicht nur eine Kampagne für Kinder, sondern mit Kindern ist und dass Sie dabei auch aktiv auf die ältere Generation eingehen. Denn wir brauchen eine generationenübergreifende Solidarität, sonst verbleiben Kinder in ihrer Außenseiterposition. Wenn die Kampagne solche Strukturelemente beinhaltet, dann kann sie ein Signal in die Stadtgesellschaft tragen, Kinder wirklich in den Mittelpunkt zu rücken. Der Vorteil wäre, dass man in Zukunft gar nicht mehr über die bedarfsgerechte Ausstattung der Einrichtungen diskutieren muss, in der die Gesellschaft von morgen die meiste Zeit ihrer Kindheit verbringt, sondern sie selbstverständlich zum Aushängeschild der Stadt geworden sind.
Ulrike Kilp: Tatsächlich haben wir damit begonnen, nicht nur für Kinder, sondern mit Kindern zu reden. Doch mehr dazu erfahren Sie in der nächsten Ausgabe unseres Newsletters am 19.02.2026.
Ich danke Ihnen für das spannende Interview!
Fotos: FH Münster/Anne Holtkötter bzw. Anna Thelen