Interview mit einer Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin zu den „Frühen Hilfen“
Holger Berg, Handlungsfeldleiter Beratung und Familienhilfen, hat mit unserer Kollegin Ariane Crüger ein Interview zum Arbeitsbereich „Frühe Hilfen“ durchgeführt:

Holger Berg: Hallo Ariane, schön, dass wir heute über die Frühen Hilfen sprechen können. Du hast ja eine der längsten Berufsbezeichnungen überhaupt. Deine Abkürzung lautet FamGKiKP, das steht für Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin.
Kannst du kurz erklären, was genau hinter diesem Beruf steckt?
Ariane Crüger: Ja, das ist tatsächlich ein Begriff, über den viele erst einmal stolpern. Meine Arbeit beinhaltet vor allen Dingen die Begleitung von Familien mit Babys und kleinen Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Inhaltlich geht es vorwiegend um Fragen rund um Gesundheit, Entwicklung des Neugeborenen, aber auch um Erleichterungen im Familienalltag
Meine Grundausbildung ist die zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Darauf aufbauend habe ich mich für die Arbeit in den Frühen Hilfen weiterqualifiziert. Dabei geht es nicht nur um medizinische Themen, sondern immer auch um die gesamte Lebenssituation der Familie.
Ich besuche die Familien überwiegend zu Hause und schaue gemeinsam mit ihnen, wo gerade Unterstützungsbedarf besteht. Das kann der Umgang mit einem Neugeborenen sein, Fragen zur kindlichen Entwicklung oder auch die Vermittlung weiterer Hilfsangebote.
Ziel ist es, Familien von Anfang an so zu begleiten, dass Kinder gesund und gut ins Leben starten können.
Holger Berg: Wie unterstützt du Familien konkret in deinem Arbeitsalltag?
Über welche Wege kommen Familien zu dir bzw. zu den Frühen Hilfen? Wer vermittelt den Kontakt?
Ariane Crüger: Die Unterstützung ist sehr unterschiedlich und richtet sich danach, was eine Familie gerade braucht. Im häuslichen Umfeld bekomme ich einen guten Einblick in den Alltag mit dem Baby oder Kleinkind und kann gezielt auf Fragen oder Unsicherheiten eingehen.
Oft geht es um ganz praktische Themen, etwa Stillen oder Füttern, den Schlafrhythmus oder darum, die Signale des Kindes besser zu verstehen. Gerade in der ersten Zeit fühlen sich viele Eltern unsicher – hier hilft es, wenn jemand mit Erfahrung begleitet und Orientierung gibt.
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist außerdem das Zuhören. Viele Eltern sind stark belastet oder fühlen sich allein mit ihren Sorgen. Gemeinsam entwickeln wir dann Wege, die Situation zu entlasten und mehr Sicherheit im Alltag zu gewinnen.
Die Familien finden über verschiedene Wege zu uns: über Hebammen, Kinderärzt*innen, das Jugendamt oder Beratungsstellen. Wir arbeiten zudem eng mit dem Projekt Kinderzukunft NRW des Städtischen Klinikums Solingen zusammen. Familien werden bereits auf der Wöchnerinnenstation angesprochen und an passende Angebote weitervermittelt, z. B. Frühe Hilfen oder Clearing.
Wichtig ist dabei, dass Unterstützung möglichst unkompliziert zugänglich ist.
Holger Berg: Du hast ja schon in verschiedenen Bereichen gearbeitet, zum Beispiel auf Kinderintensivstationen großer Unikliniken und in der ambulanten Kinderkrankenpflege.
Was unterscheidet die Arbeit in den Frühen Hilfen von diesen früheren Tätigkeiten?
Und was findest du persönlich besonders spannend oder wichtig an der Arbeit mit Familien?
Ariane Crüger: Im stationären Bereich stand vor allem die medizinische Versorgung von Kindern im Mittelpunkt, oft in akuten und belastenden Situationen.
In den Frühen Hilfen arbeite ich langfristiger und habe die Möglichkeit, Familien intensiver kennenzulernen. Gerade in der ersten Zeit mit einem Säugling entstehen viele Fragen. Wenn man hier früh begleitet, lassen sich Unsicherheiten oft gut auffangen.
Besonders schön finde ich zu beobachten, wenn Eltern im Verlauf der Begleitung mehr Vertrauen in sich selbst entwickeln und zunehmend sicherer im Umgang mit ihrem Kind werden.
Holger Berg: Du arbeitest bei der Diakonie. Warum hast du dich für diesen Träger entschieden?
Und wie funktioniert die Zusammenarbeit im Team der Erziehungs- und Familienhilfe? Welche Angebote gibt es für Familien?
Ariane Crüger: Die Arbeit bei der Diakonie Solingen schätze ich sehr, weil wir einen klar familienorientierten Ansatz verfolgen. Wir sind gut in das Netzwerk der Stadt eingebunden und arbeiten eng mit verschiedenen Fachstellen zusammen. So können Familien passgenau unterstützt werden.
Ein großer Vorteil ist die flexible Gestaltung meines Arbeitsalltags. Ich kann Termine individuell planen und mich an den Bedürfnissen der Familien orientieren – das ist in diesem Arbeitsfeld besonders wichtig.
Ich arbeite außerdem eng mit einem Team aus der Erziehungs- und Familienhilfe zusammen, in dem vor allem Sozialpädagog*innen tätig sind. In wöchentlichen Treffen tauschen wir uns aus, besprechen Fälle und entwickeln gemeinsam Ideen für die Unterstützung.
Diese Zusammenarbeit ist sehr wertvoll, weil unterschiedliche fachliche Perspektiven zusammenkommen und so umfassendere Lösungen entstehen.
Für Familien gibt es darüber hinaus verschiedene Angebote, zum Beispiel ein Mütter-Kinder-Café, das einen niederschwelligen Austausch ermöglicht.
Holger Berg: Wie schätzt du aktuell die Situation für Familien in Solingen ein?
Wie wirkt sich die hohe Nachfrage bei gleichzeitig weniger Fachkräften aus?
Welche Programme unterstützen zusätzlich?
Ariane Crüger: In Solingen zeigt sich deutlich, dass viele Familien derzeit unter Druck stehen – etwa durch finanzielle Belastungen, fehlende Unterstützung oder die Anforderungen des Alltags mit kleinen Kindern.
Gleichzeitig steigt der Bedarf an Angeboten der Frühen Hilfen, während die personellen Ressourcen begrenzt sind. Das erfordert eine gute Vernetzung und einen gezielten Einsatz der vorhandenen Möglichkeiten.
Unterstützt wird die Arbeit durch verschiedene Initiativen, wie das Programm Kinderzukunft NRW, das bereits im Krankenhaus Kontakt zu Familien aufnimmt und Hilfen vermittelt.
Auch Aktionen der Diakonie wie „Kindgerechtes Solingen“ tragen dazu bei, die Situation von Familien stärker in den Fokus zu rücken und Angebote auszubauen.
Die Frühen Hilfen bleiben dabei ein zentraler Baustein, um Belastungen möglichst früh entgegenzuwirken.
Holger Berg: Welche Herausforderungen siehst du für die Zukunft der Frühen Hilfen?
Spielt dabei auch der Umgang mit digitalen Medien eine Rolle?
Ariane Crüger: Eine große Herausforderung ist, dass viele Familien heute mit zahlreichen Anforderungen gleichzeitig konfrontiert sind. Der Alltag ist oft dicht getaktet und kann schnell überfordernd wirken.
Auch digitale Medien spielen eine zunehmende Rolle. Schon kleine Kinder kommen früh mit Smartphones oder Tablets in Kontakt, und Eltern sind häufig unsicher, wie sie damit sinnvoll umgehen können.
Hinzu kommt die große Menge an Informationen – insbesondere im Internet und in sozialen Medien –, die eher verunsichern als Orientierung geben kann.
Hier wird es weiterhin wichtig sein, Eltern verlässliche Informationen an die Hand zu geben und sie in ihrer eigenen Kompetenz zu stärken.
Holger Berg: Was wünschst du dir für die Zukunft deiner Arbeit – und für die Familien?
Ariane Crüger: Ich wünsche mir, dass präventive Angebote und Kinderschutz politisch stärker in den Fokus rücken. In meiner Arbeit sehe ich täglich, wie viel erreicht werden kann, wenn Familien frühzeitig Unterstützung erhalten.
Oft wird jedoch erst reagiert, wenn bereits größere Schwierigkeiten entstanden sind. Dabei wäre es sinnvoller, früher anzusetzen.
Deshalb wünsche ich mir mehr Ressourcen und Fachkräfte in diesem Bereich. So könnten deutlich mehr Familien erreicht und Kinder besser unterstützt werden.
Für meine eigene Arbeit ist mir wichtig, weiterhin genügend Zeit für die einzelnen Familien zu haben. Denn eine vertrauensvolle Beziehung ist die Grundlage dafür, dass Unterstützung überhaupt angenommen werden kann.
Holger Berg: Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in Dein Arbeitsfeld, liebe Ariane!