Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach
Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik an der Fachhochschule Münster
Das Interview führte Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen
Ulrike Kilp: Prof. Kurtenbach, Sie machen von sich reden, u. a. wg. Ihres Buches mit dem Titel „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, das Sie mit Aladin El-Mafaalani und Klaus Peter Strohmeier veröffentlicht haben. In dem Buch fordern Sie ein Umdenken: Kinder müssen aus ihrer Außenseiterposition ins Zentrum gerückt werden. Was genau meinen Sie damit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Wir müssen uns klar machen, dass Kinder zu einer Minderheit in der alternden Gesellschaft geworden sind, auf die viel zu wenig Rücksicht genommen wird und deren Bedürfnisse unter die Räder geraten. Zwar waren Kinder fast zu allen Zeiten eine quantitative Minderheit, aber sie waren als Gruppe immerhin noch groß genug, damit Institutionen für sie aufgebaut und ihre Bedürfnisse nicht ignoriert wurden. Das ist mittlerweile anders geworden, auch weil Eltern eine zu kleine Gruppe geworden sind, um Wahlen zu entscheiden. In der Folge wird nicht mehr in ausreichendem Maße über die Bedürfnisse von Kindern bei politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungen nachgedacht, was wiederum Kinder in eine strukturell prekäre Situation gebracht hat. Das muss sich im Interesse der Zukunft dieser Gesellschaft ändern. Kinder müssen ins Zentrum politischer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt werden.
Ulrike Kilp: Welche Veränderungen bestimmen heute Kindheit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Die prekäre Situation von Kindern heute hat sich auf Grundlage von drei Schieflagen entwickelt. Die erste ist die demografische Schieflage, die man sich ganz leicht merken kann: Es gibt heute etwa doppelt so viele 60-Jährige wie 6-Jährige in diesem Land. Die zweite Schieflage ist die demokratische Schieflage. Bereits bei der letzten Bundestagswahl waren mehr als 58 Prozent aller Wahlberechtigten älter als 50 Jahre, das Durchschnittsalter derjenigen, die in Stadträten sitzen, liegt noch darüber. Sowohl die großen Wählergruppen als auch die große Mehrheit der Entscheidungsträger haben damit keinen alltäglichen Kontakt zu Kindern und ahnen mehr, als sie über Kindheit heute wissen. Drittens hat sich eine sozialpolitische Schieflage entwickelt, die ja während des Streits um die Rente breit diskutiert wurde. Der Bund gibt heute bereits etwa jeden dritten Euro für den Steuerzuschuss in die gesetzliche Rente und zur Bekämpfung von Altersarmut aus, die Pensionen für Beamte noch gar nicht eingerechnet. Damit geht aber Spielraum für Zukunftsinvestitionen verloren.
Ulrike Kilp: Sie analysieren „fragmentierte Kindheiten“ in fünf Dimensionen. Was meinen Sie damit?
Prof. Dr. Kurtenbach: Fragmentierte Kindheit ist eines der Merkmale, die Kindheit heute von der von früher unterscheidet. Ein wichtiges anderes Merkmal ist Superdiversität, also eine so große herkunftsbedingte Heterogenität, Sprachenvielfalt und Religionen, die z. B. in einer durchschnittlichen Grundschulklasse in Solingen zu finden sind, sodass es keine Mehrheitsgruppe mehr gibt. Ebenso ist das Zeitregime von Kindern heute anders als früher, Kinder verbringen heute mehr wache Zeit in den Bildungsinstitutionen als zu Hause. Zugleich haben sich Kindheiten entwickelt, die wenig miteinander zu tun haben. Das meint Fragmentierung. Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen Familien auf, was Zeit und Geld angeht, leben in unterschiedlichen Nachbarschaften, gehen in Bildungsinstitutionen, die nicht alle gleich gut sind, haben nicht den gleichen Zugang zu informellen Lernräumen wie Vereine oder auch Spielplätze, und auch nicht alle Kinder haben Kontakt zu Erwachsenen außerhalb ihrer Familie, die sie fördern. Diese Unterschiede machen fragmentierte Kindheit aus und bilden eine neue Qualität der Ungleichheit.
Ulrike Kilp: Wie kann die gesellschaftliche Bedeutung kindheitsorientierter Bildungs- und Sozialpolitik gestärkt und mehr in den Fokus sozialpolitischen Handelns gerückt werden?
Prof. Dr. Kurtenbach: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die wir in unserem Buch besprechen. Grundlegend ist ein Kulturwandel, sodass vom Kind aus gedacht wird und nicht von Trägerinteressen oder Organisationslogiken. Der Kulturwandel bedeutet aber auch, Entscheidungen und Politik nicht nur für, sondern auch mit Kindern zu machen. Dafür müssen wir Kinder aktiv in Entscheidungsprozesse einbinden. Zukunftsräte wären ein solches Format, das die Juristin Henrike von Scheliha entwickelt hat. Die Idee ist so schlicht wie effektiv. Dem Stadtrat, Kreistag, Landtag sowie Bundestag wird ein Zukunftsrat, besetzt mit jungen Menschen zwischen 10 und 25 Jahren, an die Seite gestellt. Dieser Zukunftsrat hat das Recht, für alle anstehenden Entscheidungen eine Stellungnahme abzugeben, über die das beschlussfassende Gremium, wie der Bundestag, öffentlich debattieren muss. Die parlamentarische Entscheidungshoheit wäre damit nicht berührt, die Perspektive junger Menschen würde aber strukturell gehört werden. Das kann sofort eingeführt werden, auch in Solingen.
Ulrike Kilp: Das Diakonische Werk Solingen verantwortet aktuell Kitas, Offenen Ganztag an Schule, Präventionsangebote in der ambulanten Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, Quartiersarbeit. Wie schätzen Sie die Relevanz z. B. des Diakonischen Werkes Solingen ein, damit Solingen kindgerechter wird?
Prof. Dr. Kurtenbach: Ohne die freie Wohlfahrtspflege geht es nicht, aber sie alleine kann es auch nicht. Das ist in Solingen so, aber gilt auch für alle Kommunen in Deutschland. Die Träger der freien Wohlfahrtspflege sind Profis in der Konzeption der Gestaltung von Orten der Kindheit, aber auch sie haben bislang keine Strukturen geschaffen, Kinder aktiv dann zuzuhören und zu beteiligen, wenn es um Entscheidungen geht, die sie betreffen. Sie als Profi für die Orte der Kindheit könnten hier gut zeigen, wie man Kinder in den Mittelpunkt rückt und mit gutem Beispiel für die Stadtgesellschaft vorangehen.
Ulrike Kilp: Wie schätzen Sie die Lage der Kinder in Solingen ein?
Prof. Dr. Kurtenbach: Nichts deutet darauf hin, dass die Lage von Kindern in Solingen in besonderer Weise anders ist als an anderen Orten. Eine flächendeckende und ernstnehmende Beteiligung gibt es nicht, innovative Schulkonzepte, wie Community Zentren, sind nicht auszumachen und auch eine systematische Ansprache der älteren Generation zur Förderung von Kindern liegt nicht vor. Das ist aber nicht spezifisch für Solingen, sondern ein grundsätzliches Phänomen. Es gibt in jeder Kommune einzelne gute Beispiele und tolle Einrichtungen, aber das ersetzt nicht den grundsätzlichen Kulturwandel, der in der alternden Gesellschaft notwendig ist.
Ulrike Kilp: Wir starten in Kürze die Kampagne für ein kindgerechtes Solingen 2026. Damit wollen wir erreichen, dass Kindheit mehr ins Zentrum politischen und gesellschaftlichen Handelns rückt. Außerdem erwarten wir Unterstützung aus der Stadtgesellschaft – auch finanzieller Art – für die Absicherung und Stärkung unserer „Regelangebote“ und darüber hinaus. Was denken Sie darüber?
Prof. Dr. Kurtenbach: Ich hoffe, dass Sie bei der Kampagne grundsätzlich Kinder und Jugendliche bei der Planung und Umsetzung beteiligt haben, sodass es nicht nur eine Kampagne für Kinder, sondern mit Kindern ist und dass Sie dabei auch aktiv auf die ältere Generation eingehen. Denn wir brauchen eine generationenübergreifende Solidarität, sonst verbleiben Kinder in ihrer Außenseiterposition. Wenn die Kampagne solche Strukturelemente beinhaltet, dann kann sie ein Signal in die Stadtgesellschaft tragen, Kinder wirklich in den Mittelpunkt zu rücken. Der Vorteil wäre, dass man in Zukunft gar nicht mehr über die bedarfsgerechte Ausstattung der Einrichtungen diskutieren muss, in der die Gesellschaft von morgen die meiste Zeit ihrer Kindheit verbringt, sondern sie selbstverständlich zum Aushängeschild der Stadt geworden sind.
Ulrike Kilp: Tatsächlich haben wir damit begonnen, nicht nur für Kinder, sondern mit Kindern zu reden. Doch mehr dazu erfahren Sie in der nächsten Ausgabe unseres Newsletters am 19.02.2026.
Ich danke Ihnen für das spannende Interview!
Foto: FH Münster/Anne Holtkötter

