Solingen, 11.02.2022

Auf dem Rücken der Kleinsten

Um 400 Prozent sind die Corona-Infektionen in NRWs Kindergärten innerhalb eines Monats angestiegen. Reduzierte Betreuungszeiten, geschlossene Gruppen und ein mulmiges Gefühl sind die Folgen in den Einrichtungen. Auch weil Corona-Tests für Kita-Kinder freiwillig sind.

Gerade kann Bianca Otto durchatmen. Die Corona-Pooltests in der Kita Dorp in Solingen sind negativ zurückgekommen. „Das gibt uns etwas Sicherheit für diese Woche“, sagt die Leiterin der integrativen Kita der Diakonie Solingen, die 52 Kinder besuchen. Wie es in der nächsten Woche aussieht: unklar. Dabei stehen die Kitas in Solingen besser da als viele andere in NRW.

Mit Beginn der Pandemie wurde in Solingen eine verbindliche Teststrategie in den Kindergärten aufgebaut. Zweimal in der Woche lutschen die Kinder an den Teststäbchen wie an einem Lolli. Beim Pool-Test werden alle Proben in ein Röhrchen gelegt und dabei vermischt. Fällt der gemeinsame Test einer Kitagruppe positiv aus, wurde noch im vergangenen Jahr jede der Einzelproben per PCR-Test ausgewertet, um das infizierte Kind zu finden. Seit die Labore bei der Auswertung an ihre Grenzen stoßen, wird bei einem positiven Pool jetzt mit Schnelltests nachgetestet. „Die sind natürlich nicht so sicher wie die PCR-Tests“, betont Bianca Otto. „Ich kenne Einrichtungen, da war der Pool-Test positiv. Und trotzdem sind am nächsten Tag alle Kinder und Erzieher*innen mit negativen Bürgertests in die Kita gekommen. Natürlich mit einem sehr mulmigem Gefühl.“

Freiwillige Selbsttests

Pool-Tests gibt es in der Kita von Christopher Hausmann nicht. In Lippstadt setzt man seit fast zwei Jahren auf freiwillige Selbsttests. Drei Tests pro Woche bekommen die Eltern der Kita-Kinder mit nach Hause. „Ob die Tests dann auch wirklich durchgeführt werden und vor allem wie professionell, das können viele Kita-Leitungen nur erahnen“, meint der Leiter des Evangelischen Wichern Kindergartens Lippstadt.

In seiner Einrichtung hat der Elternbeirat sich in einer Selbstverpflichtung zum regelmäßigen Testen zu Hause entschieden. „Das ist für viele Familien aber nicht einfach. Wir bekommen immer wieder Schnelltests unterschiedlichster Hersteller, die dann anders durchgeführt werden müssen.“ Im Wichern Kindergarten haben 90 Prozent der Familien einen Migrationshintergrund. Die komplizierten Anleitungen der Tests seien für viele Eltern komplett unverständlich. Die Nachfragen landen dann bei den Kita-Mitarbeitenden. „Das können wir natürlich nicht stemmen.“ Christopher Hausmann wünscht sich stattdessen, dass in den Kitas nur Tests eines Herstellers verwendet werden. Dazu sollten Hinweise zur Anwendung in unterschiedlichen Sprachen mitgegeben werden.

Frustration, Verzweiflung und Wut

„Wir fühlen uns von den Politikern alleine gelassen“, bringt es Charlotte Bierkamp, pädagogische Fachberaterin im Evangelischen Kirchenkreis Soest-Arnsberg, auf den Punkt. Es seien bürokratische Hürden geschaffen worden, die es zu Beginn der Pandemie noch nicht gegeben habe. Gerade musste wieder eine ihrer 50 Kitas die Öffnungszeiten reduzieren. Statt um 17 Uhr schließt der Kindergarten jetzt um 14 Uhr. „Was sollen wir machen? Sobald zu viele Fachkräfte ausfallen, müssen wir Betreuungszeiten reduzieren.“ Schon vor Corona sei es eng gewesen mit dem Personal, es stünden einfach nicht genügend Erzieher*innen auf dem leer gefegten Arbeitsmarkt zur Verfügung.

„Vieles wird auf den Schultern der Leitungen ausgetragen: Sie müssen die neuesten Verordnungen verstehen und in der Praxis umsetzen, für Hygienekonzepte sorgen und versuchen, irgendwie die durch Corona-Erkrankungen entstandenen Personallücken notdürftig zu flicken“, sagt Charlotte Bierkamp. Der Regelbetrieb sei in vielen Einrichtungen nur eingeschränkt möglich. Mit einem Brandbrief hat sie sich deshalb gemeinsam mit anderen Fachberatungen an die Diakonie RWL und die nordrhein-westfälische Politik gewandt. „So dramatisch war die Situation noch nie“, sagt Bierkamp.

12 NRW-Kitas pro Tag geschlossen

In ganz NRW wurden an nur einem Wochentag im Januar durchschnittlich rund 46 Kitas teilweise und rund zwölf komplett wegen Infektionsschutzmaßnahmen geschlossen. In Solingen sei das Gesundheitsamt mittlerweile nicht mehr in der Lage, Kontakte nachzuverfolgen. Also informiert Bianca Otto die Eltern per Telefon über Corona-Fälle in ihrer Kita und erklärt, was eine Quarantäneanordnung bedeutet. „Das größte Problem dabei ist, dass die Eltern trotz all der Schwierigkeiten Normalität erwarten“, erzählt die Kitaleiterin, „das liegt auch an Familienminister Joachim Stamp, der betont, dass die Kitas in NRW wieder im Regelbetrieb sind, während Omikron für nie gekannte Infektionszahlen sorgt.“

In ihrem Kindergarten sei zwar vieles an normalen Aktivitäten möglich, aber nur weil die Fachkräfte an ihre persönlichen Grenzen gingen. Ausflüge finden statt. Aber nur zur Fuß, damit die zum Großteil noch ungeimpften Kinder sich in Bus und Bahn nicht anstecken. Puppentheater? Ja, aber nur in der extra angemieteten Kirche, weil die Turnhalle des Kindergartens zu klein ist, um ausreichend Abstand zu halten.

Enormer Redebedarf bei den Eltern

Ob in Soest oder Solingen, die Eltern haben enormen Redebedarf. Durch zwei Jahre Pandemie sind viele junge Familien ausgelaugt. „Wir haben Familien, die leben mit drei Kindern in einer 50-Quadratmeter-Wohnung“, sagt Christopher Hausmann. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie das während der Lockdowns für sie gewesen sein muss.“ Elternabende dauern deutlich länger. In Solingen reden die Fachkräfte auch mal 1,5 Stunden mit den Eltern, so viel Verzweiflung und Frust muss rausgelassen werden.

Was sich die drei wünschen, ist eine bessere Kommunikation. An der jetzigen Infektionslage könne die Politik nichts mehr verändern, aber ein verständlicher und vor allem rechtzeitiger Dialog mit den Kitas über neue Maßnahmen könnte Druck nehmen. Denn dann müssten die Kita-Leitungen nicht mehr am Wochenende Maßnahmen wälzen, um sie montags aufgebrachten Eltern erklären zu können. „Wir versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Man merkt, wir stehen alle mental kurz vor diesem Loch“, sagt Christopher Hausmann, „aber was hilft es? Wir kommen nur mit Optimismus durch diese Pandemie.“

Text: Ann-Kristin Herbst

Dieser Artikel erschien auf der Homepage der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe